Kinder können mehr – wenn wir sie lassen
Shownotes
Kinder brauchen oft weniger, als wir denken – und können mehr, als wir ihnen zutrauen. Was das im Alltag verändert.
Vielleicht kennst du das: Du meinst es gut, du bist aufmerksam, du greifst ein – und trotzdem bleibt da dieses Gefühl, dass du irgendwie zu viel trägst. Nicht, weil du „falsch“ bist, sondern weil Elternsein eben ständig diese Frage stellt: Wie viel Nähe, wie viel Hilfe, wie viel Führung – und wann ist weniger eigentlich mehr?
In dieser Folge geht’s um genau diesen Punkt zwischen „ich bin da“ und „ich nehme dir nicht jeden Schritt ab“.
- „Muss ich das jetzt wirklich für mein Kind übernehmen?“
- „Wann helfe ich sinnvoll – und wann nehme ich meinem Kind etwas weg, das es eigentlich schon üben könnte?“
- „Wie kann ich im Alltag begleiten, ohne ständig zu bespaßen oder neue Impulse zu liefern?“
- „Wie lasse ich los, ohne dass es sich nach egal anfühlt?“
KAPITEL: 00:00:00 Intro 00:00:18 Begrüßung 00:01:27 Wie viel Hilfe brauchen Kinder wirklich? 00:03:07 Kurse und Förderung: Wie viel ist sinnvoll? 00:05:06 Spielzeug: Was Kinder wirklich anzieht 00:07:00 Kinder im Haushalt mithelfen lassen 00:11:48 Riskantes Spiel: Eingreifen oder lassen? 00:14:16 Mental Load und der Druck, mehr zu machen 00:15:07 Was nehmen wir aus diese Folge mit? 00:16:14 Outro
Quellen und Links:
- Bücher
- Renz‑Polster, Herbert & Hüther, Gerald (2013): Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum – ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken. Beltz Verlag
- Internetlinks
- Erzieher‑Kanal: Zone der proximalen Entwicklung (Wygotski) – https://erzieher-kanal.de/wygotskitheorie
- Tabelle Entwicklungsmeilensteine 0–6 Jahre – https://www.erzieher-pruefung.de/wp-content/uploads/2024/06/MeilensteinederEntwicklung_A4.pdf
- Kindliche Entwicklung und Grundbedürfnisse (u.a. Autonomie) – https://www.lkr-lif.de/media/www.lkr-lif.de/org/med1499/7484kindlichegrundbeduerfnisseundgesundeentwicklungindenerstenlebensjahren_becker-stoll.pdf
- Herbert Renz‑Polster: Was Naturbegegnung für Kinder bedeutet – https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/artikel/was-naturbegegnung-fuer-kinder-bedeutet/
- Herbert Renz‑Polster: Interview zu „Wie Kinder heute wachsen“ – https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/buecher/wie-kinder-heute-wachsen/wie-kinder-heute-wachsen-interview/
- AWO Kita Neu‑Ulm: „Bedeutung des Freispiels“ (PDF) – https://www.awo-kita-neuulm.de/images/Lesetipp/Freispiel.pdf
- „Die Bedeutung des freien Spiels in der Kindergartendidaktik“ (Bildungsdirektion Bern, PDF) – https://www.faechernet.bkd.be.ch/content/dam/faechernet_bkd/dokumente-bilder/de/startseite/uebergeordnete-themen/1-zyklus-spezifisches/4-bedeutung-freies-spiel-kindergarten.pdf
- Elternmagazin Fritz+Fränzi (2025): „Was setzt Kinder unter Druck?“ – https://www.fritzundfraenzi.ch/was-setzt-kinder-unter-druck
- Jugendhilfeportal: „Studie: Aussehen, Hobbys und Alleinesein stressen Kinder“ – https://jugendhilfeportal.de/artikel/studie-aussehen-hobbys-und-alleinesein-stressen-kinder
- Neurologen‑ und Psychiater‑im‑Netz: „Studie: Mehr psychische Probleme bei Kindern“ – https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugendpsychiatrie-psychosomatik-und-psychotherapie/news-archiv/artikel/studie-mehr-psychische-probleme-bei-kindern/
- PEDAL Hub (2025): „Children’s risky play: Thrilling experiences and developmental benefits“ – https://www.pedalhub.net/resource-library/resource/item/childrens-risky-play-thrilling-experiences-and-developmental-benefits/
Hier findest du mehr von ‚Just Melly – Einfach Eltern sein‘:
- https://www.youtube.com/@JustMelly-Eltern
- Und überall wo es Podcasts gibt.
Transkript anzeigen
00:00:01: Willkommen bei Just Melly – Einfach Eltern sein. Ich bin Melly, Stiefmama und Mama und möchte
00:00:05: Kinder respektvoll, liebevoll und ehrlich auf Augenhöhe begleiten, ohne mich dabei
00:00:09: zu verlieren. Elternsein bedeutet für mich ein stimmiges Maß zu finden mit einer reflektierten
00:00:14: Haltung statt nur Methoden und der Bereitschaft gemeinsam mit unseren Kindern zu wachsen.
00:00:19: Und damit willkommen bei Just Melly – Einfach Eltern sein. Schön, dass du wieder da bist.
00:00:22: Ich habe neulich nach langer Zeit mal wieder Findet Nemo angeschaut und dabei ist mir
00:00:26: folgendes aufgefallen. Ein Vater, der nach einem großen Verlust sein Kind am liebsten
00:00:30: vor allem beschützen würde. Ein kleiner Fisch, der neugierig die Welt entdecken will und Dorie,
00:00:37: die einfach losgeht, ohne alles tausendmal abzusichern. Dazwischen ganz viel Unsicherheit,
00:00:42: ganz viel Mut und ganz viel wie weit lasse ich dich gehen?
00:00:47: Und ich habe mich gefragt, wo stehen wir da eigentlich als Eltern? Was brauchen
00:00:51: Kinder wirklich? Und ab wann halten wir vielleicht mehr fest als gut für alle ist?
00:00:58: Im Alltag zeigt sich das oft z.B. in ganz unspektakulären Situationen. Du
00:01:02: kannst zehn Spielsachen hinstellen und am Ende ist der Hit trotzdem der Wäschekorb.
00:01:07: Genau darum geht es heute darum, dass Kinder oft weniger Bespaßung brauchen,
00:01:10: als wir denken und gleichzeitig viel mehr können, als wir ihnen im Alltag zutrauen,
00:01:14: wenn wir sie lassen und was das für unsere Entlastung als Eltern bedeuten kann.
00:01:19: Und bevor wir starten, noch kurz der Hinweis. Die Links zu den Studien und Fachartikeln,
00:01:23: auf die ich mich beziehe, findest du in den Shownotes bzw. in der Beschreibung.
00:01:27: Lass uns jetzt also genau damit anfangen bei der Frage, warum Kinder oft weniger brauchen als wir
00:01:32: meinen und wie wir sie passend begleiten können, ohne sie zu überfordern oder kleinzuhalten.
00:01:37: Nach Wygotski gibt es diese Zone der proximalen Entwicklung, also einen Bereich, in dem Lernen
00:01:41: und Entwicklung von Kindern am besten stattfinden können. Seit ich das zum ersten Mal gehört habe,
00:01:45: stelle ich mir immer wieder ein paar Fragen, die ich für mich sehr hilfreich finde. Was
00:01:48: kann mein Kind schon allein und wo darf ich mich bewusst zurücknehmen? Wo braucht es eher
00:01:53: einen kleinen Schubs oder eine Ermutigung, weil es das eigentlich schon könnte. Wo braucht mein
00:01:58: Kind noch Hilfe und wo helfe ich vielleicht zu viel oder zu wenig und überfordere es
00:02:04: damit? Und an welcher Stelle mute ich meinem Kind wirklich etwas zu, das noch nicht leistbar ist?
00:02:08: Ich würde das allerdings nicht nur am Alter festmachen, sondern vor allem an
00:02:11: der individuellen Entwicklung. Das Alter kann aber ein guter Anhaltspunkt sein. In
00:02:15: den Quellen habe ich dir eine Übersicht mit Entwicklungsmeilensteinen von 0 bis 6 Jahren
00:02:19: verlinkt. Nicht als starre Checkliste, sondern eher als grobe Orientierung.
00:02:24: Vielleicht kennst du außerdem das Phänomen. Erst ziehen wir unsere Kinder jahrelang an,
00:02:29: räumen das Zimmer für sie auf und lassen sie im Haushalt kaum etwas selber machen. Und plötzlich
00:02:34: finden wir, jetzt müssen sie doch eigentlich mal alleine Schuhe anziehen, aufräumen, mithelfen.
00:02:40: Nur sie konnten es vorher nie Schritt für Schritt üben. Dann wirkt es schnell so, als würden sie
00:02:45: nicht wollen. Dabei hatten sie einfach kaum Gelegenheit, sich nach und nach hineinzuarbeiten.
00:02:50: Wenn wir Kinder passend unterstützen und dann Stück für Stück loslassen, sobald es geht,
00:02:54: führen wir sie langsam in die Selbstständigkeit,
00:02:56: die sie als Erwachsene brauchen und die sie auch schon als Kinder nötig haben. Autonomie,
00:03:02: also selber etwas entscheiden und tun zu können, gehört zu den Grundbedürfnissen von Kindern.
00:03:07: Gleichzeitig schwingt in unserer heutigen Elternwelt bei vielen von uns die Sorge
00:03:11: mit zu wenig für unsere Kinder zu tun. Wir melden sie bei Kursen an, planen Ausflüge,
00:03:16: wollen sie bestmöglich fördern und übersehen dabei manchmal, dass ein sehr dicht getakteter
00:03:20: Alltag oder einzelne sehr intensive Erlebnisse Kinder auch überfordern können.
00:03:25: Viele Fachleute betonen, wie wichtig freie unverplante Zeit für Kinder ist.
00:03:29: Entwicklungspsychologinnen und Pädagoginnen beschreiben, dass Kinder beim selbstbestimmten
00:03:34: Spielen beim Herumprobieren und im normalen Familienalltag zentrale Fähigkeiten entwickeln.
00:03:39: Sie schulen Motorik und Wahrnehmung, üben soziale Kompetenzen, erleben Selbstwirksamkeit
00:03:44: und entwickeln kreative Ideen, ganz ohne, dass Erwachsene den Ablauf ständig vorgeben.
00:03:49: Und ich glaube, ein Punkt wird dabei oft unterschätzt. Wenn wir kleine Kinder ständig
00:03:53: bespaßen oder dauernd neue Impulse setzen, können wir sie auch aus ihrem eigenen vertieften Spiel
00:03:58: herausreißen. Aus diesem Moment, in dem sie gerade ganz drin sind in dem, was sie tun.
00:04:04: Gerade die Kleinen sind manchmal total versunken und dann kommt schon der nächste Vorschlag,
00:04:07: der nächste Kurs, das nächste, komm, wir machen jetzt. Und das ist ja lieb gemeint,
00:04:12: aber manchmal brauchen Kinder nicht noch mehr Input, sondern eher Zeit, um bei dem zu bleiben,
00:04:16: was sie gerade selbst angefangen haben und auch mal Ruhe, ohne dass sofort etwas passieren muss.
00:04:23: In Praxisberichten und Studien taucht immer wieder ein ähnliches Bild auf.
00:04:27: Wenn Kinder dauerhaft stark unter Druck stehen und kaum Erholungsphasen haben,
00:04:30: berichten Eltern und Fachleute häufiger von Stressanzeichen wie
00:04:33: Gereiztheit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafproblemen oder Kopf- und Bauchschmerzen.
00:04:38: Es geht nicht darum, dass Hobbys oder Kurse grundsätzlich problematisch wären.
00:04:42: Viele Kinder profitieren sehr von passenden Angeboten, sondern darum,
00:04:45: dass zwischen Anregung und Erholung ein gesundes Gleichgewicht bleibt.
00:04:49: Für mich steckt darin eine entlastende Botschaft. Kinder brauchen nicht jeden
00:04:53: Tag ein besonderes Angebot, um sich gut entwickeln zu können. Sie brauchen vor
00:04:57: allem Zeit für freies Spiel, Alltagserfahrungen und verlässliche Beziehungen und einen Rahmen,
00:05:02: in dem auch Ruhe, scheinbare Langeweile und eigenes Entdecken Platz haben dürfen.
00:05:07: Ich werde nie vergessen, wie damals das Kind von Bekannten das Megageschenk
00:05:10: bekommen hat und dann nur mit dem Karton gespielt hat. Daran merkt man,
00:05:14: dass wir Erwachsenen gar nicht immer so richtig liegen mit dem, was wir für das Beste halten.
00:05:18: Daraus können wir für uns mitnehmen. Wir müssen nicht alles vorgeben. Oft reicht es,
00:05:22: den Alltag so zu gestalten, dass Kinder von selbst ins Tun kommen. Das ist für
00:05:26: mich ehrlich gesagt total entlastend, weil wir dann nicht ständig neue Ideen brauchen,
00:05:30: sondern mit dem arbeiten können, was sowieso da ist.
00:05:33: Im Kindergarten war entsprechend eins der Highlights vor einer
00:05:35: Weile ein riesiger Karton mit Tür und Fenstern reingeschnitten. Ein Karton,
00:05:39: der eigentlich Müll wäre, wird durch Kinderfantasie so riesengroß.
00:05:43: Aus der Entwicklungspsychologie und Frühpädagogik wissen wir, Kinder lernen beim Spielen mit
00:05:47: Alltagsgegenständen und offenen Materialien sehr viel. Sie erkunden, wie Dinge funktionieren,
00:05:52: experimentieren, bauen um, denken sich Geschichten aus. Dafür braucht es nicht ständig neues
00:05:57: spezielles Spielzeug. Es ist völlig in Ordnung, wenn bei euch eher ein paar Lieblingssachen da
00:06:01: sind und ansonsten ganz normale Dinge aus dem Alltag zu Spielzeug umfunktioniert werden.
00:06:07: Gerade die ganz Kleinen lieben Alltagsgegenstände. Kinder wollen
00:06:10: spielerisch lernen, was wir so machen, wie die Welt funktioniert. Vielleicht habt ihr Lust,
00:06:14: die Tuppersachen ins unterste Fach im Schrank zu packen und in einem anderen Schrank unten
00:06:18: die Töpfe. Das kann dann zwar laut werden und manchmal auch mehr aufräumen bedeuten,
00:06:22: aber ihr könnt in Ruhe kochen und gerade die Kleinsten sind beschäftigt.
00:06:26: Ich habe auch eine eigene kleine Kinderküche in meiner Küche und Magnete am Kühlschrank. Daraus
00:06:31: entstand übrigens auch das Bild dieser Folge. Der Traktor mit Anhänger aus Buchstaben-Magneten
00:06:35: an unserem Kühlschrank. Kinder sind wirklich kreativ im Andersverwenden von Gegenständen.
00:06:40: Was da alles aus den Küchenschubladen rausgeholt und umfunktioniert wird.
00:06:44: Aus einem einfachen Haushaltsgegenstand kann da das spannendste Spielzeug werden.
00:06:49: Man kann zehn Spielsachen anbieten und am Ende ist der Hit trotzdem der Wäschekorb oder Eimer. Oder
00:06:53: der Schuhlöffel wird zum Schwert, die Decke zur Höhle und plötzlich ist da ein ganzes Abenteuer.
00:07:00: Im Alltag steckt sowieso schon ganz viel Spiel- und Lernpotenzial beim Kochen, Aufräumen,
00:07:05: Fertigmachen. Erklärt nebenbei, was ihr da tut und warum. Euer Kind will euch ja auch kennenlernen
00:07:10: und verstehen, wie Alltag funktioniert. So lernt es fürs Leben oft mindestens genauso
00:07:14: viel wie beim Spielen im Kinderzimmer. Und ganz nebenbei entsteht Beziehung.
00:07:19: Gerade im Haushalt kann das so viel Druck rausnehmen, statt zu denken,
00:07:23: ich muss noch kochen, aber ich sollte auch noch mit meinem Kind spielen. Könnt ihr sagen,
00:07:27: wir kochen zusammen. Wenn Kinder von Anfang an erleben, dass Haushalt etwas ist,
00:07:30: das wir gemeinsam tun können und nicht etwas, das ständig gegen ihre Zeit und
00:07:34: ihre Bedürfnisse konkurriert, dann wird daraus nicht nur Arbeit, sondern auch gemeinsame Zeit.
00:07:39: Vielleicht erinnerst du dich in der Folge Raus aus dem Funktionieren, wie Elternschaft sich leichter
00:07:42: anfühlen kann, ging es ja schon darum, wie sehr uns dieses reine Abarbeiten und Funktionieren
00:07:46: im Alltag auslaugen kann und wie hilfreich es ist, den Blick wieder mehr auf Verbindung und
00:07:50: Verspieltheit zu richten. Genau hier hängt das für mich zusammen. Wenn ich mein Kind im echten Alltag
00:07:55: mitmachen lasse, muss ich nicht noch zusätzlich funktionieren und extra Programm liefern,
00:08:00: sondern wir sind gemeinsam mittendrin. Wenn du da für dich tiefer einsteigen möchtest,
00:08:04: hör nach dieser Folge gern auch in Raus aus dem Funktionieren rein.
00:08:09: Schon kleine Kinder können in der Küche etwas beitragen,
00:08:12: Zutaten irgendwo reinschütten und dann gemeinsam rühren oder beim Zwiebelzerkleinerer oder Mixer
00:08:17: oben drauf drücken. Am besten mit Kopfhörern wegen dem Lärm, genauso beim Handrührgerät.
00:08:23: Oder wir haben so eine Reibe mit Kurbel, da darf das Kind Gemüse reiben.
00:08:27: Natürlich sind dabei klare Sicherheitsregeln wichtig, was Herdplatte, Backofen,
00:08:31: heiße Flüssigkeiten oder scharfe Gegenstände angeht und auch Begleitung. Es gibt aber auch
00:08:36: spezielle Kindermesser oder Wellenmesser. Ihr könnt mit weichen Lebensmitteln wie Bananen
00:08:40: und dem Wellenmesser beginnen und wenn das dann klappt, kann man mit dem Kindermesser
00:08:43: üben. Auch festere Sachen wie z.B. Gurke zu schneiden. Und in Begleitung sind irgendwann
00:08:47: dann auch die normalen Messer und beispielsweise Karotten möglich.
00:08:51: Spülmaschine und Waschmaschine sind für die Kleinen auch superinteressant. Knopf drücken,
00:08:55: Wäsche oder Geschirr rein und rausräumen. Am Anfang braucht das noch viel Begleitung,
00:08:59: aber später machen sie das mit Begeisterung ganz allein und nicht,
00:09:02: weil sie jetzt helfen müssen, sondern weil sie merken, ich gehöre dazu.
00:09:06: Ich meine das also nicht im Sinne von Kinder sollen jetzt auch noch mitlaufen
00:09:09: und funktionieren, sondern lasst euer Kind möglichst früh in kleinen Dingen mithelfen,
00:09:13: immer innerhalb dessen, was für euer Kind gerade machbar und sicher ist.
00:09:17: Denn wenn sie wirklich beteiligt sein dürfen, machen sie richtig gerne mit und
00:09:20: wollen auch von sich aus mithelfen in ihrem Tempo und auf ihre Art.
00:09:25: Gerade am Anfang fühlt sich dieses mehr machen lassen oft nicht nach Entlastung an,
00:09:29: sondern erstmal nach mehr Chaos und braucht mehr Zeit und vor allem auch mehr Geduld. Es dauert
00:09:34: länger, wenn ein Kind mitmacht. Es klappt nicht sofort alles auf Anhieb und geht viel schief.
00:09:38: Und manchmal denkt man, das wäre allein gerade echt schneller gegangen.
00:09:42: Aber langfristig zahlt es sich aus für unser Kind und für uns,
00:09:45: weil sie dann Schritt für Schritt wirklich können,
00:09:47: was sie üben durften und es auch gerne machen und weil wir auf Dauer dann weniger tragen müssen.
00:09:53: Ich war immer wieder überrascht, was schon die Kleinsten alles können und
00:09:55: wie sehr sie sich danach sehnen, nützlich zu sein.
00:09:58: Bei uns habe ich nach und nach gemerkt, wenn Dinge so stehen, dass Kinder drankommen, nutzen
00:10:02: sie das auch. Unser kleiner Akkustaubsauger, das Kehrset mit Besen und Schaufel, Lappen,
00:10:06: die erreichbar sind, das eigene Geschirr und Besteck im unteren Schrank. An den Kühlschrank
00:10:11: kommt es auch selbst ran. So erweitert sich durch die Möglichkeiten, die wir schaffen,
00:10:15: Schritt für Schritt sein Handlungsspielraum und damit auch der Bereich, in dem es mithelfen kann.
00:10:20: Wichtig ist mir dabei, dass es eine echte Einladung bleibt. Ich gebe meinen Kindern
00:10:24: die Option mitzumachen und vor allem auch die Wahl, wie sie mithelfen wollen. So kann
00:10:28: ich Überforderung vermeiden und trotzdem zumuten, was altersgerecht möglich ist,
00:10:31: mit Unterstützung, wenn etwas noch zu schwer ist.
00:10:34: Und dann gibt es diese kleinen Alltagsmomente, in denen man plötzlich sieht, was alles schon geht.
00:10:39: Mein Kleinkind hat Milch getrunken und sich auch selbst eingeschenkt. Als die Packung leer war,
00:10:43: hat es sich einfach selbst eine neue geholt, die alte in den Gelben Sack gebracht,
00:10:46: wieder eingeschenkt und ich habe es erst gemerkt, als alles schon erledigt war.
00:10:50: Für mich war das so ein Wow-Moment. So viele kleine Schritte hintereinander,
00:10:53: ganz ohne dass jemand daneben steht. Genau an solchen Stellen sieht man,
00:10:57: wie viel Kinder können, wenn sie den Raum bekommen, Dinge zu üben und wie
00:11:00: viel Entwicklung einfach nebenbei in normalen Momenten passiert.
00:11:03: Natürlich läuft dabei nicht immer alles glatt und das ist für mich oft genau der spannende Punkt,
00:11:08: ob ich dann sofort übernehme oder ob ich kurz Raum lasse, damit mein Kind überhaupt die Chance
00:11:11: bekommt zu merken, ich kann das wieder gutmachen, auch wenn es für mich holprig und unperfekt ist.
00:11:17: Zu einem anderen Zeitpunkt hatte mein Kleinkind beim Milch Einschenken Milch verschüttet. Es ist
00:11:21: schnell in die Küche gerannt, hat einen Lappen geholt und den Boden gewischt.
00:11:24: Es war eigentlich ein normaler Spüllappen. Ich hätte es an verschiedenen Stellen bremsen können,
00:11:28: schon allein, weil der Spüllappen eigentlich nicht für den Boden ist. Habe ich aber nicht.
00:11:32: Erst als es mit demselben Lappen noch den Tisch abwischen wollte,
00:11:35: bin ich eingeschritten. Da ist es nochmal in die Küche gerannt, kam mit separatem Lappen
00:11:39: für den Tisch zurück und hat den auch noch fertig geputzt. Der Tischlappen wäre schon da gewesen,
00:11:44: aber egal. Ich war stolz auf mein Kind und mein Kind auf sich selbst auch.
00:11:48: Und dieses Rahmen halten, aber nicht jeden Schritt abnehmen,
00:11:51: sehen wir nicht nur im Haushalt oder bei Alltagssachen, sondern ganz genauso draußen,
00:11:55: z.B. auf Spielplätzen und beim sogenannten riskanten Spiel.
00:11:59: Vielleicht kennst du das auch. Auf dem Spielplatz klettern Kinder nicht nur dort,
00:12:02: wo es vorgesehen ist. Sie balancieren auf Mauern, klettern auf Dächer von Spielhäuschen, da bekomme
00:12:08: ich nur jedes Mal fast nen Herzinfarkt, oder suchen sich andere verbotene Wege.
00:12:13: Und drinnen läuft es ähnlich. Für manche Kinder ist schon das Sofa
00:12:16: die größte Versuchung. Mein Baby konnte noch nicht mal krabbeln,
00:12:19: ist aber trotzdem irgendwie das Sofa hoch bis zum Fensterbrett gekommen und zwar nicht einmal,
00:12:23: sondern immer wieder mit einer Vehemenz und Beharrlichkeit, die mich wirklich beeindruckt hat.
00:12:28: Dieses Muster, testen, wiederholen, ein Stück weitergehen, sieht man an ganz vielen Stellen,
00:12:33: wenn wir ihnen dafür Raum lassen. Am Anfang wird erst mal nur geschaut, der Baumstamm, der Bogen,
00:12:37: die Kletterwand, die Höhe, der Untergrund, wo man sich festhalten kann. Dann kommt das vorsichtige
00:12:42: Herantasten. Ein Fuß auf die Sprosse, eine Hand an die Rinde oder ans Netz wieder zurück.
00:12:47: Beim nächsten Mal krabbeln sie vielleicht langsam drüber, springen von einer niedrigen Stelle ab
00:12:51: oder klettern ein Stück höher und irgendwann laufen sie fast selbstverständlich drüber oder
00:12:56: gehen die Kletterwand hoch, so wie das Einjährige auf dem Spielplatz, das schon das Kletternetz
00:12:59: allein hoch ist oder mein Zweijähriges, das wirklich jedes Mal die Kletterwand probieren
00:13:04: musste. Sie testen ihre Grenze, ziehen sie ein Stück nach vorne und wachsen daran.
00:13:10: Genau solche Situationen meint die Forschung, wenn von riskanten Spiel die Rede ist,
00:13:14: als von Spiel, das aufregend ist und bei dem man sich auch mal weh tun könnte.
00:13:18: Die norwegische Psychologin Ellen Beate Hansen Sandseter beschreibt riskantes
00:13:22: Spiel als körperlich herausforderndes Spiel mit einem gewissen Unsicherheitsfaktor. In
00:13:27: ihren Studien zeigt sie, Kinder stärken dabei nicht nur Muskeln und Gleichgewicht,
00:13:31: sondern auch Mut, Selbstvertrauen und ihre Fähigkeit Risiken einzuschätzen. Sie suchen
00:13:36: diesen Nervenkitzel sogar dann, wenn wir alles möglichst sicher gestalten, einfach weil sie
00:13:40: an der Grenze zwischen Aufregung und Angst unglaublich viel über sich selbst lernen.
00:13:44: Für mich zeigt das, wir müssen nicht jedes Spiel und jede Situation perfekt durchplanen. Oft reicht
00:13:49: es da zu sein und Kindern zuzutrauen, dass sie sich ihre nächsten Schritte selbst suchen.
00:13:54: Und nur damit das nicht falsch rüberkommt. Das heißt nicht,
00:13:56: mach einfach, ist mir egal. Und auch nicht, dass Kinder alles allein regeln sollen. Für
00:14:01: mich heißt das eher: ich halte den Rahmen, Sicherheit, Grenzen, ich bin ansprechbar,
00:14:05: aber ich nehme ihnen nicht jeden Schritt ab. Ich bin da, ich schaue hin und ich greife ein,
00:14:10: wenn es wirklich nötig ist. Aber ich lasse ihnen den Raum, es erstmal selbst zu probieren.
00:14:16: Wenn man das alles zusammennimmt, weniger Programm, mehr Alltag, mithelfen dürfen,
00:14:20: riskantes Spiel, dann bedeutet das auch, wir müssen im Kopf nicht ständig die perfekte
00:14:24: Förder-To-do-Liste abarbeiten. Wir dürfen viel öfter schauen,
00:14:27: was sowieso schon da ist und unser Kind dort mitnehmen.
00:14:30: Für mich hat das ganz viel mit Mental Load zu tun, mit diesem Gefühl immer an alles denken zu müssen,
00:14:34: nichts vergessen zu dürfen, noch schnell dies und jenes fürs Kind einzuplanen. In dem Moment,
00:14:39: in dem ich mir erlaube weniger extra Programm zu machen und mehr im Alltag anzudocken,
00:14:43: wird es im Kopf leiser. Ich muss nicht mehr dauernd überlegen, was ich noch anbieten
00:14:47: könnte. Ich darf stattdessen wahrnehmen, wo mein Kind gerade sowieso schon andockt.
00:14:51: Und daraus entsteht dann oft ganz automatisch das,
00:14:54: was wir uns wünschen. Kinder kommen selbst ins Tun. Sie probieren Dinge aus,
00:14:57: wiederholen, trauen sich ein Stück weiter und wir müssen nicht über jedes Detail bestimmen,
00:15:02: sondern können ein Stück mitgehen, statt alles von vorne bis hinten zu planen.
00:15:07: Wir sind jetzt schon fast am Ende der Folge und vielleicht ist genau jetzt
00:15:10: der Moment einmal kurz zu sortieren, was nehmen wir aus dieser Folge mit?
00:15:14: Zum einen, unsere Kinder brauchen oft weniger als wir denken und können mehr als wir ihnen
00:15:18: zutrauen. Sie brauchen nicht jeden Tag Programm und besondere Aktionen, sondern vor allem Zeit
00:15:23: für freies Spiel, Alltagserfahrungen und Menschen, die an ihrer Seite sind.
00:15:28: Zum anderen, der ganz normale Alltag ist kein Notbehelf, sondern ein riesiger Lern-
00:15:32: und Beziehungsraum. Wenn Kinder mit Kartons spielen, in der Küche rühren,
00:15:36: Knöpfe an der Waschmaschine drücken oder draußen an der Kletterwand immer wieder
00:15:39: ein Stück weitergehen, üben sie Selbstständigkeit, Mut,
00:15:42: Problemlösen und ich kann das, ohne dass wir ihnen ständig etwas Neues hinstellen müssen.
00:15:48: Und es geht auch um uns. Wir müssen nicht alles alleine planen, stemmen und perfekt begleiten.
00:15:52: Wenn wir unseren Kindern mehr zutrauen, sie mitmachen lassen und den Rahmen halten,
00:15:56: statt jeden Schritt zu steuern, tragen wir weniger allein im Kopf und im Alltag.
00:16:01: Es muss nicht alles bis ins Detail durchdacht sein, damit es wertvoll ist.
00:16:05: Und jetzt zum Schluss noch eine Frage an dich. Wo möchtest du in eurem Alltag als
00:16:09: nächstes ausprobieren, deinem Kind ein bisschen mehr zuzutrauen, als du es bisher getan hast?
00:16:14: Danke fürs Zuhören und denk daran, einfach Eltern sein heißt manchmal
00:16:19: einen Schritt zurückzugehen, damit dein Kind den nächsten Schritt gehen kann.
00:16:24: Gefällt dir mein Podcast und du möchtest keine Folge mehr verpassen? Dann freue ich mich,
00:16:28: wenn du Just Melly abonnierst und mir einen Daumen hoch gibst. Danke für deine Unterstützung.
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