Kinder können mehr – wenn wir sie lassen

Shownotes

Kinder brauchen oft weniger, als wir denken – und können mehr, als wir ihnen zutrauen. Was das im Alltag verändert.

Vielleicht kennst du das: Du meinst es gut, du bist aufmerksam, du greifst ein – und trotzdem bleibt da dieses Gefühl, dass du irgendwie zu viel trägst. Nicht, weil du „falsch“ bist, sondern weil Elternsein eben ständig diese Frage stellt: Wie viel Nähe, wie viel Hilfe, wie viel Führung – und wann ist weniger eigentlich mehr?

In dieser Folge geht’s um genau diesen Punkt zwischen „ich bin da“ und „ich nehme dir nicht jeden Schritt ab“.

  • „Muss ich das jetzt wirklich für mein Kind übernehmen?“
  • „Wann helfe ich sinnvoll – und wann nehme ich meinem Kind etwas weg, das es eigentlich schon üben könnte?“
  • „Wie kann ich im Alltag begleiten, ohne ständig zu bespaßen oder neue Impulse zu liefern?“
  • „Wie lasse ich los, ohne dass es sich nach egal anfühlt?“

KAPITEL: 00:00:00 Intro 00:00:18 Begrüßung 00:01:27 Wie viel Hilfe brauchen Kinder wirklich? 00:03:07 Kurse und Förderung: Wie viel ist sinnvoll? 00:05:06 Spielzeug: Was Kinder wirklich anzieht 00:07:00 Kinder im Haushalt mithelfen lassen 00:11:48 Riskantes Spiel: Eingreifen oder lassen? 00:14:16 Mental Load und der Druck, mehr zu machen 00:15:07 Was nehmen wir aus diese Folge mit? 00:16:14 Outro


Quellen und Links:


Hier findest du mehr von ‚Just Melly – Einfach Eltern sein‘:

Transkript anzeigen

00:00:01: Willkommen bei Just Melly – Einfach Eltern sein.  Ich bin Melly, Stiefmama und Mama und möchte  

00:00:05: Kinder respektvoll, liebevoll und ehrlich  auf Augenhöhe begleiten, ohne mich dabei  

00:00:09: zu verlieren. Elternsein bedeutet für mich ein  stimmiges Maß zu finden mit einer reflektierten  

00:00:14: Haltung statt nur Methoden und der Bereitschaft  gemeinsam mit unseren Kindern zu wachsen.

00:00:19: Und damit willkommen bei Just Melly – Einfach  Eltern sein. Schön, dass du wieder da bist.

00:00:22: Ich habe neulich nach langer Zeit mal wieder  Findet Nemo angeschaut und dabei ist mir  

00:00:26: folgendes aufgefallen. Ein Vater, der nach  einem großen Verlust sein Kind am liebsten  

00:00:30: vor allem beschützen würde. Ein kleiner Fisch,  der neugierig die Welt entdecken will und Dorie,  

00:00:37: die einfach losgeht, ohne alles tausendmal  abzusichern. Dazwischen ganz viel Unsicherheit,  

00:00:42: ganz viel Mut und ganz viel  wie weit lasse ich dich gehen?

00:00:47: Und ich habe mich gefragt, wo stehen wir  da eigentlich als Eltern? Was brauchen  

00:00:51: Kinder wirklich? Und ab wann halten wir  vielleicht mehr fest als gut für alle ist?

00:00:58: Im Alltag zeigt sich das oft z.B. in  ganz unspektakulären Situationen. Du  

00:01:02: kannst zehn Spielsachen hinstellen und am  Ende ist der Hit trotzdem der Wäschekorb.  

00:01:07: Genau darum geht es heute darum, dass  Kinder oft weniger Bespaßung brauchen,  

00:01:10: als wir denken und gleichzeitig viel mehr  können, als wir ihnen im Alltag zutrauen,  

00:01:14: wenn wir sie lassen und was das für unsere  Entlastung als Eltern bedeuten kann.

00:01:19: Und bevor wir starten, noch kurz der Hinweis.  Die Links zu den Studien und Fachartikeln,  

00:01:23: auf die ich mich beziehe, findest du in  den Shownotes bzw. in der Beschreibung.

00:01:27: Lass uns jetzt also genau damit anfangen bei der  Frage, warum Kinder oft weniger brauchen als wir  

00:01:32: meinen und wie wir sie passend begleiten können,  ohne sie zu überfordern oder kleinzuhalten.

00:01:37: Nach Wygotski gibt es diese Zone der proximalen  Entwicklung, also einen Bereich, in dem Lernen  

00:01:41: und Entwicklung von Kindern am besten stattfinden  können. Seit ich das zum ersten Mal gehört habe,  

00:01:45: stelle ich mir immer wieder ein paar Fragen,  die ich für mich sehr hilfreich finde. Was  

00:01:48: kann mein Kind schon allein und wo darf ich  mich bewusst zurücknehmen? Wo braucht es eher  

00:01:53: einen kleinen Schubs oder eine Ermutigung, weil  es das eigentlich schon könnte. Wo braucht mein  

00:01:58: Kind noch Hilfe und wo helfe ich vielleicht  zu viel oder zu wenig und überfordere es  

00:02:04: damit? Und an welcher Stelle mute ich meinem Kind  wirklich etwas zu, das noch nicht leistbar ist?

00:02:08: Ich würde das allerdings nicht nur am  Alter festmachen, sondern vor allem an  

00:02:11: der individuellen Entwicklung. Das Alter  kann aber ein guter Anhaltspunkt sein. In  

00:02:15: den Quellen habe ich dir eine Übersicht mit  Entwicklungsmeilensteinen von 0 bis 6 Jahren  

00:02:19: verlinkt. Nicht als starre Checkliste,  sondern eher als grobe Orientierung.

00:02:24: Vielleicht kennst du außerdem das Phänomen.  Erst ziehen wir unsere Kinder jahrelang an,  

00:02:29: räumen das Zimmer für sie auf und lassen sie im  Haushalt kaum etwas selber machen. Und plötzlich  

00:02:34: finden wir, jetzt müssen sie doch eigentlich mal  alleine Schuhe anziehen, aufräumen, mithelfen.

00:02:40: Nur sie konnten es vorher nie Schritt für Schritt  üben. Dann wirkt es schnell so, als würden sie  

00:02:45: nicht wollen. Dabei hatten sie einfach kaum  Gelegenheit, sich nach und nach hineinzuarbeiten.

00:02:50: Wenn wir Kinder passend unterstützen und dann  Stück für Stück loslassen, sobald es geht,  

00:02:54: führen wir sie langsam in die Selbstständigkeit,  

00:02:56: die sie als Erwachsene brauchen und die sie  auch schon als Kinder nötig haben. Autonomie,  

00:03:02: also selber etwas entscheiden und tun zu können,  gehört zu den Grundbedürfnissen von Kindern.

00:03:07: Gleichzeitig schwingt in unserer heutigen  Elternwelt bei vielen von uns die Sorge  

00:03:11: mit zu wenig für unsere Kinder zu tun. Wir  melden sie bei Kursen an, planen Ausflüge,  

00:03:16: wollen sie bestmöglich fördern und übersehen  dabei manchmal, dass ein sehr dicht getakteter  

00:03:20: Alltag oder einzelne sehr intensive  Erlebnisse Kinder auch überfordern können.

00:03:25: Viele Fachleute betonen, wie wichtig  freie unverplante Zeit für Kinder ist.  

00:03:29: Entwicklungspsychologinnen und Pädagoginnen  beschreiben, dass Kinder beim selbstbestimmten  

00:03:34: Spielen beim Herumprobieren und im normalen  Familienalltag zentrale Fähigkeiten entwickeln.  

00:03:39: Sie schulen Motorik und Wahrnehmung, üben  soziale Kompetenzen, erleben Selbstwirksamkeit  

00:03:44: und entwickeln kreative Ideen, ganz ohne,  dass Erwachsene den Ablauf ständig vorgeben.

00:03:49: Und ich glaube, ein Punkt wird dabei oft  unterschätzt. Wenn wir kleine Kinder ständig  

00:03:53: bespaßen oder dauernd neue Impulse setzen, können  wir sie auch aus ihrem eigenen vertieften Spiel  

00:03:58: herausreißen. Aus diesem Moment, in dem sie  gerade ganz drin sind in dem, was sie tun.  

00:04:04: Gerade die Kleinen sind manchmal total versunken  und dann kommt schon der nächste Vorschlag,  

00:04:07: der nächste Kurs, das nächste, komm, wir  machen jetzt. Und das ist ja lieb gemeint,  

00:04:12: aber manchmal brauchen Kinder nicht noch mehr  Input, sondern eher Zeit, um bei dem zu bleiben,  

00:04:16: was sie gerade selbst angefangen haben und auch  mal Ruhe, ohne dass sofort etwas passieren muss.

00:04:23: In Praxisberichten und Studien taucht  immer wieder ein ähnliches Bild auf.  

00:04:27: Wenn Kinder dauerhaft stark unter Druck  stehen und kaum Erholungsphasen haben,  

00:04:30: berichten Eltern und Fachleute  häufiger von Stressanzeichen wie  

00:04:33: Gereiztheit, Konzentrationsschwierigkeiten,  Schlafproblemen oder Kopf- und Bauchschmerzen.

00:04:38: Es geht nicht darum, dass Hobbys oder  Kurse grundsätzlich problematisch wären.  

00:04:42: Viele Kinder profitieren sehr von  passenden Angeboten, sondern darum,  

00:04:45: dass zwischen Anregung und Erholung  ein gesundes Gleichgewicht bleibt.

00:04:49: Für mich steckt darin eine entlastende  Botschaft. Kinder brauchen nicht jeden  

00:04:53: Tag ein besonderes Angebot, um sich gut  entwickeln zu können. Sie brauchen vor  

00:04:57: allem Zeit für freies Spiel, Alltagserfahrungen  und verlässliche Beziehungen und einen Rahmen,  

00:05:02: in dem auch Ruhe, scheinbare Langeweile  und eigenes Entdecken Platz haben dürfen.

00:05:07: Ich werde nie vergessen, wie damals  das Kind von Bekannten das Megageschenk  

00:05:10: bekommen hat und dann nur mit dem  Karton gespielt hat. Daran merkt man,  

00:05:14: dass wir Erwachsenen gar nicht immer so richtig  liegen mit dem, was wir für das Beste halten.

00:05:18: Daraus können wir für uns mitnehmen. Wir  müssen nicht alles vorgeben. Oft reicht es,  

00:05:22: den Alltag so zu gestalten, dass Kinder  von selbst ins Tun kommen. Das ist für  

00:05:26: mich ehrlich gesagt total entlastend, weil  wir dann nicht ständig neue Ideen brauchen,  

00:05:30: sondern mit dem arbeiten  können, was sowieso da ist.

00:05:33: Im Kindergarten war entsprechend  eins der Highlights vor einer  

00:05:35: Weile ein riesiger Karton mit Tür und  Fenstern reingeschnitten. Ein Karton,  

00:05:39: der eigentlich Müll wäre, wird  durch Kinderfantasie so riesengroß.

00:05:43: Aus der Entwicklungspsychologie und Frühpädagogik  wissen wir, Kinder lernen beim Spielen mit  

00:05:47: Alltagsgegenständen und offenen Materialien sehr  viel. Sie erkunden, wie Dinge funktionieren,  

00:05:52: experimentieren, bauen um, denken sich Geschichten  aus. Dafür braucht es nicht ständig neues  

00:05:57: spezielles Spielzeug. Es ist völlig in Ordnung,  wenn bei euch eher ein paar Lieblingssachen da  

00:06:01: sind und ansonsten ganz normale Dinge aus dem  Alltag zu Spielzeug umfunktioniert werden.

00:06:07: Gerade die ganz Kleinen lieben  Alltagsgegenstände. Kinder wollen  

00:06:10: spielerisch lernen, was wir so machen, wie die  Welt funktioniert. Vielleicht habt ihr Lust,  

00:06:14: die Tuppersachen ins unterste Fach im Schrank  zu packen und in einem anderen Schrank unten  

00:06:18: die Töpfe. Das kann dann zwar laut werden  und manchmal auch mehr aufräumen bedeuten,  

00:06:22: aber ihr könnt in Ruhe kochen und  gerade die Kleinsten sind beschäftigt.

00:06:26: Ich habe auch eine eigene kleine Kinderküche in  meiner Küche und Magnete am Kühlschrank. Daraus  

00:06:31: entstand übrigens auch das Bild dieser Folge.  Der Traktor mit Anhänger aus Buchstaben-Magneten  

00:06:35: an unserem Kühlschrank. Kinder sind wirklich  kreativ im Andersverwenden von Gegenständen.  

00:06:40: Was da alles aus den Küchenschubladen  rausgeholt und umfunktioniert wird.  

00:06:44: Aus einem einfachen Haushaltsgegenstand  kann da das spannendste Spielzeug werden.

00:06:49: Man kann zehn Spielsachen anbieten und am Ende ist  der Hit trotzdem der Wäschekorb oder Eimer. Oder  

00:06:53: der Schuhlöffel wird zum Schwert, die Decke zur  Höhle und plötzlich ist da ein ganzes Abenteuer.

00:07:00: Im Alltag steckt sowieso schon ganz viel Spiel-  und Lernpotenzial beim Kochen, Aufräumen,  

00:07:05: Fertigmachen. Erklärt nebenbei, was ihr da tut und  warum. Euer Kind will euch ja auch kennenlernen  

00:07:10: und verstehen, wie Alltag funktioniert. So  lernt es fürs Leben oft mindestens genauso  

00:07:14: viel wie beim Spielen im Kinderzimmer.  Und ganz nebenbei entsteht Beziehung.

00:07:19: Gerade im Haushalt kann das so viel  Druck rausnehmen, statt zu denken,  

00:07:23: ich muss noch kochen, aber ich sollte auch  noch mit meinem Kind spielen. Könnt ihr sagen,  

00:07:27: wir kochen zusammen. Wenn Kinder von  Anfang an erleben, dass Haushalt etwas ist,  

00:07:30: das wir gemeinsam tun können und nicht  etwas, das ständig gegen ihre Zeit und  

00:07:34: ihre Bedürfnisse konkurriert, dann wird daraus  nicht nur Arbeit, sondern auch gemeinsame Zeit.

00:07:39: Vielleicht erinnerst du dich in der Folge Raus aus  dem Funktionieren, wie Elternschaft sich leichter  

00:07:42: anfühlen kann, ging es ja schon darum, wie sehr  uns dieses reine Abarbeiten und Funktionieren  

00:07:46: im Alltag auslaugen kann und wie hilfreich es  ist, den Blick wieder mehr auf Verbindung und  

00:07:50: Verspieltheit zu richten. Genau hier hängt das für  mich zusammen. Wenn ich mein Kind im echten Alltag  

00:07:55: mitmachen lasse, muss ich nicht noch zusätzlich  funktionieren und extra Programm liefern,  

00:08:00: sondern wir sind gemeinsam mittendrin. Wenn  du da für dich tiefer einsteigen möchtest,  

00:08:04: hör nach dieser Folge gern auch in  Raus aus dem Funktionieren rein.

00:08:09: Schon kleine Kinder können  in der Küche etwas beitragen,  

00:08:12: Zutaten irgendwo reinschütten und dann gemeinsam  rühren oder beim Zwiebelzerkleinerer oder Mixer  

00:08:17: oben drauf drücken. Am besten mit Kopfhörern  wegen dem Lärm, genauso beim Handrührgerät.  

00:08:23: Oder wir haben so eine Reibe mit  Kurbel, da darf das Kind Gemüse reiben.

00:08:27: Natürlich sind dabei klare Sicherheitsregeln  wichtig, was Herdplatte, Backofen,  

00:08:31: heiße Flüssigkeiten oder scharfe Gegenstände  angeht und auch Begleitung. Es gibt aber auch  

00:08:36: spezielle Kindermesser oder Wellenmesser. Ihr  könnt mit weichen Lebensmitteln wie Bananen  

00:08:40: und dem Wellenmesser beginnen und wenn das  dann klappt, kann man mit dem Kindermesser  

00:08:43: üben. Auch festere Sachen wie z.B. Gurke zu  schneiden. Und in Begleitung sind irgendwann  

00:08:47: dann auch die normalen Messer und  beispielsweise Karotten möglich.

00:08:51: Spülmaschine und Waschmaschine sind für die  Kleinen auch superinteressant. Knopf drücken,  

00:08:55: Wäsche oder Geschirr rein und rausräumen.  Am Anfang braucht das noch viel Begleitung,  

00:08:59: aber später machen sie das mit  Begeisterung ganz allein und nicht,  

00:09:02: weil sie jetzt helfen müssen, sondern  weil sie merken, ich gehöre dazu.

00:09:06: Ich meine das also nicht im Sinne von  Kinder sollen jetzt auch noch mitlaufen  

00:09:09: und funktionieren, sondern lasst euer Kind  möglichst früh in kleinen Dingen mithelfen,  

00:09:13: immer innerhalb dessen, was für euer  Kind gerade machbar und sicher ist.  

00:09:17: Denn wenn sie wirklich beteiligt sein  dürfen, machen sie richtig gerne mit und  

00:09:20: wollen auch von sich aus mithelfen  in ihrem Tempo und auf ihre Art.

00:09:25: Gerade am Anfang fühlt sich dieses mehr  machen lassen oft nicht nach Entlastung an,  

00:09:29: sondern erstmal nach mehr Chaos und braucht mehr  Zeit und vor allem auch mehr Geduld. Es dauert  

00:09:34: länger, wenn ein Kind mitmacht. Es klappt nicht  sofort alles auf Anhieb und geht viel schief.  

00:09:38: Und manchmal denkt man, das wäre  allein gerade echt schneller gegangen.

00:09:42: Aber langfristig zahlt es sich  aus für unser Kind und für uns,  

00:09:45: weil sie dann Schritt für Schritt wirklich können,  

00:09:47: was sie üben durften und es auch gerne machen und  weil wir auf Dauer dann weniger tragen müssen.

00:09:53: Ich war immer wieder überrascht, was  schon die Kleinsten alles können und  

00:09:55: wie sehr sie sich danach sehnen, nützlich zu sein.

00:09:58: Bei uns habe ich nach und nach gemerkt, wenn  Dinge so stehen, dass Kinder drankommen, nutzen  

00:10:02: sie das auch. Unser kleiner Akkustaubsauger,  das Kehrset mit Besen und Schaufel, Lappen,  

00:10:06: die erreichbar sind, das eigene Geschirr und  Besteck im unteren Schrank. An den Kühlschrank  

00:10:11: kommt es auch selbst ran. So erweitert sich  durch die Möglichkeiten, die wir schaffen,  

00:10:15: Schritt für Schritt sein Handlungsspielraum und  damit auch der Bereich, in dem es mithelfen kann.

00:10:20: Wichtig ist mir dabei, dass es eine echte  Einladung bleibt. Ich gebe meinen Kindern  

00:10:24: die Option mitzumachen und vor allem auch  die Wahl, wie sie mithelfen wollen. So kann  

00:10:28: ich Überforderung vermeiden und trotzdem  zumuten, was altersgerecht möglich ist,  

00:10:31: mit Unterstützung, wenn etwas noch zu schwer ist.

00:10:34: Und dann gibt es diese kleinen Alltagsmomente, in  denen man plötzlich sieht, was alles schon geht.  

00:10:39: Mein Kleinkind hat Milch getrunken und sich auch  selbst eingeschenkt. Als die Packung leer war,  

00:10:43: hat es sich einfach selbst eine neue geholt,  die alte in den Gelben Sack gebracht,  

00:10:46: wieder eingeschenkt und ich habe es erst  gemerkt, als alles schon erledigt war.

00:10:50: Für mich war das so ein Wow-Moment. So  viele kleine Schritte hintereinander,  

00:10:53: ganz ohne dass jemand daneben steht.  Genau an solchen Stellen sieht man,  

00:10:57: wie viel Kinder können, wenn sie den  Raum bekommen, Dinge zu üben und wie  

00:11:00: viel Entwicklung einfach nebenbei  in normalen Momenten passiert.

00:11:03: Natürlich läuft dabei nicht immer alles glatt und  das ist für mich oft genau der spannende Punkt,  

00:11:08: ob ich dann sofort übernehme oder ob ich kurz  Raum lasse, damit mein Kind überhaupt die Chance  

00:11:11: bekommt zu merken, ich kann das wieder gutmachen,  auch wenn es für mich holprig und unperfekt ist.

00:11:17: Zu einem anderen Zeitpunkt hatte mein Kleinkind  beim Milch Einschenken Milch verschüttet. Es ist  

00:11:21: schnell in die Küche gerannt, hat einen  Lappen geholt und den Boden gewischt.  

00:11:24: Es war eigentlich ein normaler Spüllappen. Ich  hätte es an verschiedenen Stellen bremsen können,  

00:11:28: schon allein, weil der Spüllappen eigentlich  nicht für den Boden ist. Habe ich aber nicht.

00:11:32: Erst als es mit demselben Lappen  noch den Tisch abwischen wollte,  

00:11:35: bin ich eingeschritten. Da ist es nochmal in  die Küche gerannt, kam mit separatem Lappen  

00:11:39: für den Tisch zurück und hat den auch noch fertig  geputzt. Der Tischlappen wäre schon da gewesen,  

00:11:44: aber egal. Ich war stolz auf mein Kind  und mein Kind auf sich selbst auch.

00:11:48: Und dieses Rahmen halten, aber  nicht jeden Schritt abnehmen,  

00:11:51: sehen wir nicht nur im Haushalt oder bei  Alltagssachen, sondern ganz genauso draußen,  

00:11:55: z.B. auf Spielplätzen und beim  sogenannten riskanten Spiel.

00:11:59: Vielleicht kennst du das auch. Auf dem  Spielplatz klettern Kinder nicht nur dort,  

00:12:02: wo es vorgesehen ist. Sie balancieren auf Mauern,  klettern auf Dächer von Spielhäuschen, da bekomme  

00:12:08: ich nur jedes Mal fast nen Herzinfarkt,  oder suchen sich andere verbotene Wege.

00:12:13: Und drinnen läuft es ähnlich. Für  manche Kinder ist schon das Sofa  

00:12:16: die größte Versuchung. Mein Baby  konnte noch nicht mal krabbeln,  

00:12:19: ist aber trotzdem irgendwie das Sofa hoch bis  zum Fensterbrett gekommen und zwar nicht einmal,  

00:12:23: sondern immer wieder mit einer Vehemenz und  Beharrlichkeit, die mich wirklich beeindruckt hat.

00:12:28: Dieses Muster, testen, wiederholen, ein Stück  weitergehen, sieht man an ganz vielen Stellen,  

00:12:33: wenn wir ihnen dafür Raum lassen. Am Anfang wird  erst mal nur geschaut, der Baumstamm, der Bogen,  

00:12:37: die Kletterwand, die Höhe, der Untergrund, wo man  sich festhalten kann. Dann kommt das vorsichtige  

00:12:42: Herantasten. Ein Fuß auf die Sprosse, eine  Hand an die Rinde oder ans Netz wieder zurück.

00:12:47: Beim nächsten Mal krabbeln sie vielleicht langsam  drüber, springen von einer niedrigen Stelle ab  

00:12:51: oder klettern ein Stück höher und irgendwann  laufen sie fast selbstverständlich drüber oder  

00:12:56: gehen die Kletterwand hoch, so wie das Einjährige  auf dem Spielplatz, das schon das Kletternetz  

00:12:59: allein hoch ist oder mein Zweijähriges, das  wirklich jedes Mal die Kletterwand probieren  

00:13:04: musste. Sie testen ihre Grenze, ziehen sie  ein Stück nach vorne und wachsen daran.

00:13:10: Genau solche Situationen meint die Forschung,  wenn von riskanten Spiel die Rede ist,  

00:13:14: als von Spiel, das aufregend ist und bei  dem man sich auch mal weh tun könnte.  

00:13:18: Die norwegische Psychologin Ellen Beate  Hansen Sandseter beschreibt riskantes  

00:13:22: Spiel als körperlich herausforderndes Spiel  mit einem gewissen Unsicherheitsfaktor. In  

00:13:27: ihren Studien zeigt sie, Kinder stärken  dabei nicht nur Muskeln und Gleichgewicht,  

00:13:31: sondern auch Mut, Selbstvertrauen und ihre  Fähigkeit Risiken einzuschätzen. Sie suchen  

00:13:36: diesen Nervenkitzel sogar dann, wenn wir alles  möglichst sicher gestalten, einfach weil sie  

00:13:40: an der Grenze zwischen Aufregung und Angst  unglaublich viel über sich selbst lernen.

00:13:44: Für mich zeigt das, wir müssen nicht jedes Spiel  und jede Situation perfekt durchplanen. Oft reicht  

00:13:49: es da zu sein und Kindern zuzutrauen, dass  sie sich ihre nächsten Schritte selbst suchen.

00:13:54: Und nur damit das nicht falsch  rüberkommt. Das heißt nicht,  

00:13:56: mach einfach, ist mir egal. Und auch nicht,  dass Kinder alles allein regeln sollen. Für  

00:14:01: mich heißt das eher: ich halte den Rahmen,  Sicherheit, Grenzen, ich bin ansprechbar,  

00:14:05: aber ich nehme ihnen nicht jeden Schritt ab.  Ich bin da, ich schaue hin und ich greife ein,  

00:14:10: wenn es wirklich nötig ist. Aber ich lasse  ihnen den Raum, es erstmal selbst zu probieren.

00:14:16: Wenn man das alles zusammennimmt, weniger  Programm, mehr Alltag, mithelfen dürfen,  

00:14:20: riskantes Spiel, dann bedeutet das auch, wir  müssen im Kopf nicht ständig die perfekte  

00:14:24: Förder-To-do-Liste abarbeiten.  Wir dürfen viel öfter schauen,  

00:14:27: was sowieso schon da ist und  unser Kind dort mitnehmen.

00:14:30: Für mich hat das ganz viel mit Mental Load zu tun,  mit diesem Gefühl immer an alles denken zu müssen,  

00:14:34: nichts vergessen zu dürfen, noch schnell dies  und jenes fürs Kind einzuplanen. In dem Moment,  

00:14:39: in dem ich mir erlaube weniger extra Programm  zu machen und mehr im Alltag anzudocken,  

00:14:43: wird es im Kopf leiser. Ich muss nicht mehr  dauernd überlegen, was ich noch anbieten  

00:14:47: könnte. Ich darf stattdessen wahrnehmen,  wo mein Kind gerade sowieso schon andockt.

00:14:51: Und daraus entsteht dann oft ganz automatisch das,  

00:14:54: was wir uns wünschen. Kinder kommen  selbst ins Tun. Sie probieren Dinge aus,  

00:14:57: wiederholen, trauen sich ein Stück weiter und  wir müssen nicht über jedes Detail bestimmen,  

00:15:02: sondern können ein Stück mitgehen, statt  alles von vorne bis hinten zu planen.

00:15:07: Wir sind jetzt schon fast am Ende der  Folge und vielleicht ist genau jetzt  

00:15:10: der Moment einmal kurz zu sortieren,  was nehmen wir aus dieser Folge mit?

00:15:14: Zum einen, unsere Kinder brauchen oft weniger  als wir denken und können mehr als wir ihnen  

00:15:18: zutrauen. Sie brauchen nicht jeden Tag Programm  und besondere Aktionen, sondern vor allem Zeit  

00:15:23: für freies Spiel, Alltagserfahrungen  und Menschen, die an ihrer Seite sind.

00:15:28: Zum anderen, der ganz normale Alltag ist  kein Notbehelf, sondern ein riesiger Lern-  

00:15:32: und Beziehungsraum. Wenn Kinder mit  Kartons spielen, in der Küche rühren,  

00:15:36: Knöpfe an der Waschmaschine drücken oder  draußen an der Kletterwand immer wieder  

00:15:39: ein Stück weitergehen, üben  sie Selbstständigkeit, Mut,  

00:15:42: Problemlösen und ich kann das, ohne dass wir  ihnen ständig etwas Neues hinstellen müssen.

00:15:48: Und es geht auch um uns. Wir müssen nicht alles  alleine planen, stemmen und perfekt begleiten.  

00:15:52: Wenn wir unseren Kindern mehr zutrauen,  sie mitmachen lassen und den Rahmen halten,  

00:15:56: statt jeden Schritt zu steuern, tragen  wir weniger allein im Kopf und im Alltag.  

00:16:01: Es muss nicht alles bis ins Detail  durchdacht sein, damit es wertvoll ist.

00:16:05: Und jetzt zum Schluss noch eine Frage an  dich. Wo möchtest du in eurem Alltag als  

00:16:09: nächstes ausprobieren, deinem Kind ein bisschen  mehr zuzutrauen, als du es bisher getan hast?

00:16:14: Danke fürs Zuhören und denk daran,  einfach Eltern sein heißt manchmal  

00:16:19: einen Schritt zurückzugehen, damit dein  Kind den nächsten Schritt gehen kann.

00:16:24: Gefällt dir mein Podcast und du möchtest keine  Folge mehr verpassen? Dann freue ich mich,  

00:16:28: wenn du Just Melly abonnierst und mir einen  Daumen hoch gibst. Danke für deine Unterstützung.

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