Raus aus dem Funktionieren: Wie Elternschaft sich leichter anfühlen kann

Shownotes

Quellenangaben zu den genannten Studien:


Hier findest du mehr von ‚Just Melly – Einfach Eltern sein‘:

Transkript anzeigen

00:00:00: Willkommen bei Just Melly – Einfach Eltern sein.  Ich bin Melly, Stiefmama und Mama und möchte  

00:00:04: Kinder respektvoll, liebevoll und ehrlich  auf Augenhöhe begleiten – ohne mich dabei  

00:00:08: zu verlieren. Elternsein bedeutet für mich, ein  stimmiges Maß zu finden – mit einer reflektierten  

00:00:13: Haltung statt nur Methoden und der Bereitschaft,  gemeinsam mit unseren Kindern zu wachsen.

00:00:17: Und damit willkommen zurück bei Just Melly  – Einfach Eltern sein. Vielleicht hast du  

00:00:21: die letzte Folge „Einfach Eltern sein: Was  der Name wirklich bedeutet“ schon gehört.  

00:00:25: Ansonsten kannst du das ja später noch  nachholen. Wir haben uns darin angeschaut,  

00:00:30: warum sich moderne Elternschaft heute oft  so schwer anfühlt, mit all den Erwartungen,  

00:00:34: Rollen und Rahmenbedingungen,  die da auf uns einprasseln.

00:00:38: In dieser Folge drehen wir nun die Perspektive ein  bisschen um: Weg von der Frage, warum es so schwer  

00:00:44: ist, hin zu der Frage, was unseren Alltag mit  Kindern konkret leichter machen kann – trotz all  

00:00:49: dieser Umstände. Wo können wir Druck rausnehmen,  anders planen, unseren Umgang mit Stress verändern  

00:00:56: und den Familienalltag so gestalten, dass wieder  mehr Luft zum Atmen und für Beziehung bleibt?

00:01:02: Bevor wir einsteigen, ist mir noch etwas wichtig  zu sagen. Diese Folge ist sehr subjektiv und baut  

00:01:07: stark auf meinen eigenen Erfahrungen auf. Das,  was mir in meiner Elternschaft Erleichterung  

00:01:12: gebracht hat und sich für mich sinnvoll anfühlt,  muss bei dir nicht genauso aussehen. Vielleicht  

00:01:17: findest du dich in manchen Punkten total wieder,  vielleicht gibt es Stellen, die für dich gar  

00:01:21: nicht passen – und bestimmt habe ich Dinge nicht  erwähnt, die dir persönlich sehr geholfen haben.  

00:01:27: Ich habe versucht, an den passenden Stellen auch  allgemeine Erkenntnisse und Dinge einfließen zu  

00:01:31: lassen, von denen viele Eltern berichten, dass  sie ihnen guttun. Trotzdem bleibt diese Folge  

00:01:35: vor allem eine Sammlung meiner ganz persönlichen  Erkenntnisse. Nimm dir deshalb bitte nur das mit,  

00:01:40: was sich für dich stimmig anfühlt und in  euren Alltag passt. Und wenn du magst,  

00:01:45: lass gern einen Kommentar da, was dir geholfen  hat – vielleicht ist genau das für jemand  

00:01:50: anderen der eine kleine Baustein, der etwas  leichter macht. Und nun weiter mit der Folge.

00:01:55: In der vorherigen Folge habe ich  bereits zahlreiche Gründe genannt,  

00:01:58: warum sich moderne Elternschaft für uns  heute so schwer anfühlt. Wer die Folge  

00:02:03: noch nicht angehört hat, hier nochmal  ein Überblick in komprimierter Form.

00:02:07: Wenn ich auf moderne Elternschaft schaue,  dann sehe ich als erstes diesen riesigen  

00:02:11: Erwartungsberg, der auf uns lastet. Von außen  heißt es: „Sei konsequent, aber bitte nicht  

00:02:15: autoritär. Sei bedürfnisorientiert, aber nicht  zu weich. Setz klare Grenzen und bleib dabei  

00:02:21: freundlich, informiert, geduldig und im besten  Fall immer schön gelassen.“ Und dann kommen ja  

00:02:26: noch unsere eigenen Stimmen dazu – der Wunsch  es besser zu machen als unsere Eltern und  

00:02:30: unseren Kindern einen guten Start ins Leben zu  ermöglichen. Ihren inneren Rucksack so zu füllen,  

00:02:36: dass er sich für sie später möglichst gut  tragen lässt und nicht unnötig schwer wird.

00:02:41: Gleichzeitig müssen wir mehrere Rollen  auf einmal ausfüllen: Wir sind Eltern,  

00:02:45: Partner:in, vielleicht Bonuseltern, wir  sind irgendwie auch noch Kind unserer  

00:02:48: Eltern und in den allermeisten Fällen ja  auch berufstätig. Jede dieser Rollen bringt  

00:02:54: Erwartungen mit sich – und oft fühlen wir  uns dazwischen eher hin‑ und hergerissen,  

00:02:57: als würden wir ständig an mehreren Fronten  gleichzeitig gefragt sein. Dieses Gefühl von  

00:03:02: „egal, wie ich es mache, irgendwie reicht  es nie“ kennen viele von uns nur zu gut.

00:03:07: Dazu kommen Rahmenbedingungen, die nicht  unbedingt für Familien gemacht sind.  

00:03:12: Es gibt zu wenig Betreuungsplätze, die  Öffnungszeiten passen oft nicht zu den  

00:03:15: Arbeitszeiten, die Qualität entspricht nicht  immer dem, was wir uns für unsere Kinder wünschen,  

00:03:20: und gleichzeitig steht im Raum: beide  Elternteile bitte möglichst viel arbeiten,  

00:03:24: am besten flexibel und jederzeit  verfügbar. Das führt zu Entscheidungen,  

00:03:28: die sich weniger nach „Was ist gerade das Beste  für unser Kind und unsere Familie?“ anfühlen,  

00:03:33: sondern mehr nach „Unter diesen Umständen ist  das gerade die einzige Option“ oder „Anders  

00:03:38: geht es gerade leider nicht“ – manchmal auch,  weil es finanziell sonst kaum machbar wäre.

00:03:43: Und als wäre das alles nicht schon genug,  passiert ja auch in uns selbst unglaublich  

00:03:46: viel. Elternschaft verändert nicht nur  unseren Alltag, sondern auch uns als  

00:03:51: Menschen. Wenn ein Kind geboren wird, werden  ja auch Eltern geboren – und dieser innere  

00:03:55: Umbauprozess begleitet uns im Grunde durch alle  Entwicklungsstufen unserer Kinder. Mit jeder neuen  

00:04:01: Lebensphase werden auch unsere eigenen Themen  wieder angestupst: zum Beispiel alte Muster,  

00:04:06: also automatische Reaktionen und Schutzstrategien,  die wir früher einmal gebraucht haben und die  

00:04:11: heute wie aus Gewohnheit anspringen. Oder  Glaubenssätze – innere Sätze über uns und  

00:04:16: unsere Kinder wie „Ich muss alles im Griff  haben“ oder „Ich darf keine Fehler machen“,  

00:04:21: die unser Handeln stark beeinflussen, oft ohne  dass wir es merken. Diese inneren Programme laufen  

00:04:26: im Hintergrund mit und können dazu beitragen,  dass wir uns im Elternsein schneller gestresst,  

00:04:30: verunsichert oder schlicht überfordert  fühlen, als wir es gerne hätten – gerade dann,  

00:04:35: wenn wir eigentlich alles besonders  bewusst und zugewandt machen wollen.

00:04:39: All das zusammen macht moderne Elternschaft  nicht automatisch „schlechter“, aber eben oft  

00:04:43: ganz schön herausfordernd. Und genau deshalb  schauen wir uns jetzt im nächsten Schritt an,  

00:04:48: was wir konkret tun können, damit sich  unser Elternsein im Alltag ein bisschen  

00:04:52: leichter und stimmiger anfühlt – ohne dass  wir dafür perfekte Bedingungen brauchen.

00:04:57: Wenn wir uns all diese Punkte anschauen  – die Erwartungen, die vielen Rollen,  

00:05:01: die schwierigen Rahmenbedingungen und das,  was in uns selbst los ist –, dann zieht sich  

00:05:05: ein Thema wie ein roter Faden durch:  Stress. Und dieser Stress verändert,  

00:05:09: wie unser Gehirn und unser Nervensystem  arbeiten – besonders im Alltag mit Kind.

00:05:14: Wenn wir im Stressmodus sind, kann unser  Gehirn nicht mehr klar und flexibel denken,  

00:05:18: und wir rutschen viel schneller in alte Muster  und Glaubenssätze hinein, statt neue Wege  

00:05:22: auszuprobieren. Unser Nervensystem schaltet dann  in alte Überlebensprogramme: Angriff – also laut  

00:05:29: werden, härter reagieren, als wir es eigentlich  wollen. Flucht – innerlich weggehen, ausweichen,  

00:05:34: Dinge vor uns herschieben. Erstarren – wenn  wir wie gelähmt danebenstehen, obwohl wir unser  

00:05:39: Kind eigentlich schützen oder begleiten möchten.  Oder übermäßige Anpassung – wenn wir automatisch  

00:05:44: nachgeben, alles recht machen und eigene  Grenzen schlucken, damit kein Konflikt entsteht  

00:05:49: und sich die Situation schnell wieder „sicher“  anfühlt. Das sind automatische Schutzreaktionen,  

00:05:54: die früher einmal sinnvoll waren, heute im  Familienalltag aber oft eher im Weg stehen.

00:06:00: In sehr großer Überforderung kennen manche  von uns auch ein inneres „Shutdown“:  

00:06:04: sich wie betäubt, abgetrennt oder wie neben  sich zu fühlen. Auch das ist keine Schwäche,  

00:06:08: sondern eine Notfallreaktion des Nervensystems,  wenn es eine Situation als nicht mehr bewältigbar  

00:06:14: einstuft. Und genau deshalb ist es so  wichtig, Stress in unserem Alltag ernst  

00:06:18: zu nehmen und Schritt für Schritt zu reduzieren  – nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper.

00:06:24: Ich bin keine Expertin für Nervensystemarbeit,  da gibt es großartige Menschen, die viel tiefer  

00:06:29: in Themen wie Polyvagal-Theorie oder Embodiment  einsteigen. Aber was ich aus meiner Elternschaft  

00:06:34: mitnehme ist: Jeder kleine Moment, in dem wir kurz  innehalten, durchatmen und unseren Körper spüren,  

00:06:41: hilft. Einmal innerlich auf Pause drücken,  bevor wir reagieren, ein paar tiefe Atemzüge,  

00:06:46: den Boden unter den Füßen merken – das sind  keine Zaubertricks, aber sie können unserem  

00:06:51: Nervensystem das Signal geben: Hier steht gerade  kein Tiger vor dir, es ist „nur“ Alltag mit Kind.

00:06:58: Und genau deshalb lohnt es sich, nicht nur  auf die großen Rahmenbedingungen zu schauen,  

00:07:02: sondern auch auf die kleinen  Stellschrauben im Alltag,  

00:07:04: an denen wir tatsächlich drehen können –  selbst wenn sich außen gerade wenig verändert.

00:07:09: Ich bin selbst noch weit entfernt von leichter  Elternschaft. Aber ich habe ein paar Erkenntnisse  

00:07:14: gewonnen, die es mir mittlerweile leichter machen  – oder bei denen ich mir im Rückblick wünsche,  

00:07:18: ich hätte sie früher gehabt. Die möchte ich heute  mit euch teilen. Und wie ich am Anfang schon  

00:07:23: gesagt habe: Das sind meine ganz persönlichen  Erfahrungen und Ideen. Nimm dir bitte nur das mit,  

00:07:29: was sich für dich stimmig anfühlt und in euren  Alltag passt – und leider kann ich hier in einer  

00:07:33: Folge nicht alles abdecken, was dir vielleicht  schon geholfen hat oder noch helfen wird.

00:07:38: Was mir für meinen Alltag mit Kind enorm  geholfen hat, ist dieses kleine innere  

00:07:42: Stoppschild. Also nicht sofort zu reagieren,  sondern mir – wenn es irgendwie geht – einen  

00:07:47: winzigen Moment dazwischen zu schenken.  Kurz innehalten, einmal durchatmen,  

00:07:52: vielleicht bis drei zählen oder einen Schluck  trinken, bevor ich Ja oder Nein sage, bevor  

00:07:56: ich meckere, bevor ich etwas verspreche. In diesem  Mini‑Zwischenraum kann ich überhaupt erst merken:  

00:08:03: Reagiere ich gerade aus einem alten Muster  heraus, aus Stress, aus einem Glaubenssatz heraus?  

00:08:09: Oder fühlt sich das, was ich gleich sagen oder tun  will, wirklich stimmig an für mich und mein Kind?

00:08:14: Hilfreich ist diese Pause vor allem in  Situationen, die sich im Alltag immer wiederholen:  

00:08:19: bei schnellen Entscheidungen – also wenn ich  sonst reflexhaft Ja oder Nein sagen und mich  

00:08:23: dann später darüber ärgern würde. In Übergängen  oder Planänderungen, wenn etwas plötzlich ganz  

00:08:28: anders läuft als gedacht und innerlich sofort der  Alarm und „Das geht jetzt gar nicht“ losschreit.  

00:08:33: Wenn man den Satz so für sich liest, könnte  man denken, ich beschreibe ein Kleinkind in der  

00:08:36: Autonomiephase – dabei meine ich uns Erwachsene.  Kleine Kinder können noch nicht einfach umplanen,  

00:08:41: ihr Nervensystem ist dafür noch nicht reif  genug. Seit ich das verstanden habe, muss  

00:08:45: ich da selbst öfter schmunzeln, weil es unsere  erwachsene Überheblichkeit ein bisschen entlarvt:  

00:08:50: Wir fühlen uns so reif und vernünftig, und  gleichzeitig geraten wir bei der kleinsten  

00:08:54: Planänderung im Familienalltag  manchmal in eine innere Not,  

00:08:57: die gar nicht so weit weg ist von dem,  was wir bei unseren Kindern sehen.

00:09:01: Und das Stoppschild hilft mir auch  beim Thema Grenzen, wenn ich merke,  

00:09:04: ich reagiere gerade viel strenger oder viel  nachgiebiger, als es sich eigentlich stimmig  

00:09:09: anfühlt. Die Pause gibt mir die Chance,  einmal kurz in mich hineinzuhorchen:  

00:09:14: Welche Grenze ist mir hier wichtig, wo kann ich  flexibel sein – und was hat vielleicht mehr mit  

00:09:18: meinem eigenen Trigger zu tun als mit meinem Kind?  Dieses kleine Stoppschild ist kein Wundermittel,  

00:09:24: aber es hilft, automatische Programme  nach und nach sichtbarer zu machen und  

00:09:27: zu unterbrechen. So entsteht Schritt für  Schritt mehr Wahlfreiheit zwischen Gefühl  

00:09:32: und Handlung – und genau daraus kann im Alltag  oft ein Stück mehr Leichtigkeit entstehen.

00:09:38: Und dieses innere Stoppschild  ist auch die Grundlage für etwas,  

00:09:41: das mir im Alltag total hilft: Dinge  überhaupt erst mal anders zu machen. Also  

00:09:45: wirklich im Sinne von Ausprobieren  statt im Autopilot festzuhängen.

00:09:50: Wir alle kennen diese eingefahrenen Muster  – Situationen, die immer gleich laufen und  

00:09:54: oft auch gleich schiefgehen. Wenn  wir jedes Mal genau dasselbe tun,  

00:09:58: ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es  sich auch genau so wiederholt. Manchmal  

00:10:02: reicht deshalb schon ein kleiner Unterschied:  ein anderer Satz, eine andere Reihenfolge,  

00:10:07: ein kurzer Moment Nähe statt sofort  Erklären. Es muss nichts Großes sein,  

00:10:11: oft ist es eher dieses „minimal anders  reagieren als sonst“, das den Unterschied macht.

00:10:16: Ich bin ja so ein Plan‑A‑B‑C‑Mensch.  Das heißt nicht, dass ich alles bis ins  

00:10:20: Letzte durchoptimieren will, sondern eher: Ich  überlege mir ein, zwei Alternativen im Kopf,  

00:10:25: die sich für mich stimmig anfühlen. Meistens  funktioniert Plan A schon, weil ich beim  

00:10:30: Überlegen viel von dem mitdenke, was wir  gleich brauchen könnten. Und wenn nicht,  

00:10:34: habe ich noch eine Idee B oder C, statt  in der Situation komplett festzustecken.

00:10:38: Wichtig finde ich dabei zwei Sachen. Erstens:  Nicht zu hektisch zwischen allen Möglichkeiten  

00:10:43: hin‑ und herspringen – gerade bei Babys oder  sehr aufgewühlten Kindern kann ein ständiger  

00:10:47: Wechsel von Haltung, Position, Angeboten eher  noch mehr Unruhe reinbringen. Da hilft es,  

00:10:53: ein, zwei Dinge wirklich in Ruhe zu probieren  und dem Nervensystem Zeit zu geben, überhaupt  

00:10:57: anzukommen. Zweitens: Gerade bei liebgewonnenen  Gewohnheiten brauchen Kinder oft etwas länger,  

00:11:02: um sich auf eine Veränderung einzulassen.  Wenn wir etwas anders machen möchten,  

00:11:07: wird es nicht nach einem Versuch  plötzlich entspannt laufen – es  

00:11:10: darf kleine Schritte geben, mit viel  Wiederholung und klarer Begleitung.

00:11:14: Für mich heißt dieses Ausprobieren nicht:  wild herumprobieren, bis irgendwas irgendwie  

00:11:18: funktioniert. Sondern eher: neugierig  bleiben, kleine Veränderungen wagen und aus  

00:11:22: den Erfahrungen lernen. Was hat heute ein Stück  geholfen, was war vielleicht zu viel auf einmal?  

00:11:28: So erweitern wir nach und nach unseren  Werkzeugkoffer, ohne den Anspruch haben zu müssen,  

00:11:31: alles zu wissen oder jede Situation im Vorfeld  perfekt planen zu können. Und je öfter wir das  

00:11:37: machen, desto leichter fallen uns diese  neuen Wege im Alltag ein – das ist auch  

00:11:41: ein bisschen wie ein Muskel im Gehirn, der mit  der Zeit kräftiger wird, wenn wir ihn benutzen.

00:11:46: Parallel dazu laufen aber oft noch  unsere inneren Bilder davon mit,  

00:11:50: wie Elternsein „eigentlich“ aussehen sollte – und  genau diese Erwartungen können es uns zusätzlich  

00:11:55: schwer machen. Wenn wir über Erwartungen an  Elternschaft sprechen, ist mir besonders wichtig,  

00:12:00: dass wir unterscheiden, was wir uns wünschen –  und welches Bedürfnis eigentlich dahintersteckt.  

00:12:05: Erwartungen an Elternschaft immer wieder an  die Realität anzupassen heißt für mich nicht,  

00:12:09: Träume aufzugeben, sondern sie so zu erden,  dass wir im Hier und Jetzt überhaupt gute  

00:12:14: Erfahrungen sammeln können – statt ständig  auf das eine perfekte Irgendwann zu warten.

00:12:19: Gleichzeitig merken wir oft, wie starr unsere  inneren Bilder vom Elternsein sind – und wie viel  

00:12:24: flexibler unser Denken eigentlich sein könnte. In  unserem Kopf läuft ein ziemlich genaues Drehbuch,  

00:12:30: wie der Alltag oder bestimmte Situationen mit  Kindern ablaufen sollten, während das echte Leben  

00:12:34: mit Müdigkeit, Gefühlen und tausend Unwägbarkeiten  dazwischenfunkt. Wenn wir uns erlauben,  

00:12:40: diese inneren Drehbücher zu hinterfragen, nutzen  wir die Flexibilität, die unser Denken eigentlich  

00:12:45: hat, statt uns von starren Vorstellungen  zusätzlich unter Druck setzen zu lassen.

00:12:50: Oft träumen wir von großen Lösungen, die  im Alltag mit Kind aber gerade gar nicht  

00:12:54: drin sind. Wir denken dann vielleicht: „Ach, ich  bräuchte mal ein komplettes Wellness‑Wochenende,  

00:12:58: sonst halte ich das alles nicht mehr aus“ –  dabei ist das zugrundeliegende Bedürfnis Ruhe,  

00:13:03: Entlastung, kurz nicht zuständig sein zu  müssen. Manchmal kann dieses Bedürfnis schon  

00:13:07: ein kleines Stück gesehen werden, wenn wir uns  wirklich eine halbe Stunde auf die Couch setzen,  

00:13:11: ohne Handy, mit einem Buch oder einfach nur  mit geschlossenen Augen, während das Kind  

00:13:15: spielt oder eine andere Bezugsperson übernimmt.  Es ist nicht dasselbe wie ein freies Wochenende,  

00:13:21: aber es geht in die gleiche Richtung und ist im  echten Familienalltag oft viel realistischer.

00:13:26: Ähnlich ist es bei anderen Erwartungen  an unser Leben mit Kindern:  

00:13:29: In unserem Kopf gibt es manchmal dieses perfekte  Bild – die immer entspannte Familienzeit,  

00:13:34: die große Reise, der super aufgeräumte Alltag –,  und dann fühlt sich alles, was davon abweicht,  

00:13:39: erstmal wie zweite Wahl an. Wenn wir aber  genauer hinschauen und fragen „Was wünsche  

00:13:44: ich mir eigentlich wirklich, und was wäre eine  Version davon, die zu unserer aktuellen Realität  

00:13:50: passt?“, merken wir oft, dass auch kleinere,  unscheinbarere Lösungen sehr nährend sein können.

00:13:56: Hinter vielen Erwartungen steckt außerdem  unser Bedürfnis nach Kontrolle – der Wunsch,  

00:14:00: den Alltag überschaubar zu halten und  nicht ständig überrascht zu werden. Das  

00:14:04: ist sehr menschlich und gibt Sicherheit,  kann uns aber auch auf Umwege schicken:  

00:14:08: Wir strengen uns wahnsinnig an, jeden Ablauf  zu steuern, statt uns zuerst zu fragen „Was  

00:14:13: wünsche ich mir wirklich und welcher Weg  dorthin passt zu unserem Kind, zu unserem  

00:14:17: Tempo und zu unseren Ressourcen?“ Wenn wir unser  Bedürfnis kennen, können wir viel direkter und  

00:14:22: liebevoller für uns sorgen, statt uns in endlosen  Umwegen und Optimierungsversuchen zu verlieren.

00:14:28: Ganz konkret zeigt sich das auch  bei unseren Vorstellungen davon,  

00:14:31: was Kinder alles „brauchen“. Wir  überschätzen leicht, wie viele Angebote,  

00:14:35: Ausflüge oder besondere Aktivitäten es sein  müssen, damit es gut ist – und übersehen dabei,  

00:14:40: dass manche Erlebnisse Kinder auch schnell  überwältigen und stressen können. Dabei lernen  

00:14:45: Kinder schon im ganz normalen Familienleben  unglaublich viel: beim Zuschauen, Ausprobieren,  

00:14:50: Mitmachen, beim Kochen, Aufräumen  oder Kleine‑Dinge‑Erledigen – so,  

00:14:53: wie es gerade altersgerecht möglich ist. Das  kann total entlasten, weil wir dann merken:  

00:14:58: Es muss nicht immer noch etwas Zusätzliches  obendrauf, wir dürfen viel öfter sagen „Wir  

00:15:03: machen das zusammen“ statt „Ich muss erst  alles fertig kriegen und dann noch spielen“.

00:15:08: Und dann gibt es noch die Erwartungen an  unser Kind selbst und an unseren Alltag:  

00:15:11: Wenn wir innerlich davon ausgehen, dass ein  Kleinkind alles schnell versteht, zack mitmacht  

00:15:16: und Übergänge reibungslos laufen, geraten wir  fast zwangsläufig in Stress, weil Entwicklung  

00:15:21: nun mal anders funktioniert. Kleine Kinder sind  oft langsam, schnell abgelenkt, brauchen Zeit für  

00:15:26: Übergänge – und die Wutanfälle, die aus unserem  Stress entstehen, dauern am Ende häufig länger,  

00:15:31: als es gebraucht hätte, die Situation geduldig  zu begleiten. Hilfreich finde ich deshalb,  

00:15:36: meine Erwartungen an Alter, Entwicklungsstand  und unsere konkrete Situation anzupassen und den  

00:15:41: Alltag entsprechend zu planen, ohne mein Kind  kleinzureden. Kinder kooperieren nämlich auch  

00:15:46: mit unseren negativen Erwartungen – wenn ich  innerlich mit dem Gedanken „das wird sowieso  

00:15:50: wieder eskalieren“ in eine Situation gehe, spüren  sie das. Realistische Erwartungen heißen für mich:  

00:15:56: weder überfordern noch unterfordern, sondern  so zu planen, dass das, was ich mir vornehme,  

00:16:01: zu meinem Kind, zu unserem Tempo und  zu unseren aktuellen Ressourcen passt.

00:16:06: Dazu passt auch gut das nächste Kapitel. Über  „gut genug statt perfekt“ und dieses Losgehen  

00:16:10: in kleinen Schritten habe ich ja in Folge 1  schon einiges erzählt. Und genau das gehört  

00:16:15: für mich auch zum Thema Leichtigkeit dazu.  Gerade zu Beginn, wenn uns Vorbilder fehlen,  

00:16:19: machen wir vieles viel zu kompliziert  und umständlich. Wir tun wahnsinnig viel,  

00:16:23: was im Rückblick völlig unnötig war – aus Angst,  Fehler zu machen und unser Kind zu schädigen,  

00:16:28: oder einfach, weil wir noch gar nicht  wissen, was wirklich nötig ist und was  

00:16:31: nicht. Die Erkenntnis kommt oft erst,  wenn die Phase schon wieder vorbei ist:  

00:16:35: Was hat uns wirklich geholfen – und was  war eigentlich nur zusätzlicher Stress?

00:16:39: Ich habe zum Beispiel nach der  Geburt so viele Dinge gemacht,  

00:16:42: die ich heute so nicht mehr machen würde, und mir  damit richtig Druck gemacht. Ein Thema war dieses  

00:16:47: „Bei Babys sollte man immer sofort reagieren“.  Ich habe mich ewig mit voller Blase abgequält,  

00:16:51: weil ich dachte, ich darf auf keinen Fall  aufstehen, sonst schade ich der Bindung. Ja,  

00:16:55: manchmal geht es wirklich nicht anders und das  Baby braucht uns genau jetzt. Aber oft geht  

00:16:59: es eben doch, kurz zur Toilette zu gehen oder  sich Wasser zu holen. Niemand hat etwas davon,  

00:17:03: wenn du eine halbe Stunde gestresst neben dem  Baby sitzt, anstatt einmal kurz rauszugehen und  

00:17:07: dann wieder wirklich ansprechbar zu sein.  Schon sehr kleine Babys können lernen:  

00:17:12: Mama oder Papa sind kurz weg und kommen  gleich wieder – und du kennst ja mit  

00:17:15: der Zeit euer Zeitfenster, in dem es noch bei  „meckern“ bleibt, bevor richtiges Weinen kommt.

00:17:20: Die bindungsorientierte Forschung betont eher,  wie wichtig feinfühliges, verlässliches Reagieren  

00:17:24: auf Signale ist – also das Bedürfnis deines Babys  gut wahrzunehmen und passend zu antworten –, und  

00:17:29: weniger, dass du in jeder Sekunde sofort springen  musst. Früher wurden Babys ja teilweise bewusst  

00:17:34: schreien gelassen, und dagegen steht heute zu  Recht die Haltung: Babys sollen sich nicht in  

00:17:38: Hilflosigkeit „einschreien“ müssen, damit jemand  kommt. Was wir dabei aber manchmal vergessen,  

00:17:43: ist die andere Seite: Auch eine halbe Stunde  hochgestresst beim Baby sitzen ist auf Dauer nicht  

00:17:48: gesund – weder für dich noch für die Beziehung.  Das gehört für mich auch zum Thema Bedürfnisse,  

00:17:53: auf das ich später noch zurückkomme: Deine  Bedürfnisse zählen mit, nicht gegen dein Kind.

00:17:59: Gerade wenn wir sehr gestresst sind,  werden wir schnell kontrollierender  

00:18:02: oder verlieren uns in Kleinigkeiten,  die gar nicht so hilfreich sind,  

00:18:05: wie wir denken – oder sogar komplett unnötig.  Am Anfang sind wir sowieso unsicherer,  

00:18:09: und dann klammern wir uns leicht an jedes  Detail, nur um auf keinen Fall „zu wenig“  

00:18:13: zu machen. Da sind wir auch wieder bei der  Kontrolle, die ich vorhin schon erwähnt habe.

00:18:18: Dahinter steckt oft Perfektionismus: der  Anspruch, als Eltern alles richtig machen  

00:18:22: zu müssen, der nachweislich mit mehr Stress  und weniger Zufriedenheit zusammenhängen kann.  

00:18:26: Dabei müssen wir nicht perfekt sein.  Diese Erkenntnis entlastet enorm. Wir  

00:18:31: dürfen unperfekt sein. Wir dürfen Fehler machen.

00:18:34: Genau in dieser Menschlichkeit  und Unvollkommenheit sind wir  

00:18:37: viel authentischer – und damit oft die besseren  Vorbilder für unsere Kinder. Es ist doch viel  

00:18:42: hilfreicher, ihnen zu zeigen, dass wir  stolpern können, uns wieder aufrappeln,  

00:18:46: uns entschuldigen und es noch einmal  versuchen. Und irgendwann klappt es dann.  

00:18:51: Eigentlich können wir Dinge nur genau  einmal wirklich „richtig“ machen – davor  

00:18:55: besteht der ganze Weg aus Versuch  und Irrtum. Wir probieren, stolpern,  

00:18:59: justieren nach und kommen dem, was sich für  uns stimmig anfühlt, Schritt für Schritt näher.

00:19:04: Und genau deshalb: Behaltet, was  funktioniert – und verändert,  

00:19:07: was nicht funktioniert, was sich wie eine  Last anfühlt oder euch dauerhaft Energie  

00:19:11: zieht. Ihr müsst nichts weitermachen,  nur weil man das angeblich so macht.  

00:19:16: Ihr dürft Dinge vereinfachen oder komplett  streichen. Keep it simple. Einfach ist mehr.

00:19:22: Und damit kommen wir nun zu den Bedürfnissen.  Damit wir solche Entscheidungen gut treffen  

00:19:26: können – bei Neins, bei Flexibilität –, hilft  es, unsere eigenen Bedürfnisse nicht aus dem  

00:19:31: Blick zu verlieren. Eine Erkenntnis, die mir  wirklich wichtig ist: Kümmert euch auch um euch  

00:19:36: und eure Bedürfnisse. Die Bedürfnisse aller in der  Familie sind wichtig – auch eure. Es ist niemandem  

00:19:42: geholfen, wenn wir Eltern uns dauerhaft hinten  anstellen, dadurch immer gestresster werden und  

00:19:47: dann gar nicht mehr so zugewandt und präsent sein  können, wie wir es uns eigentlich wünschen. Wir  

00:19:51: Erwachsenen können im Vergleich zu Kindern zwar  manches Bedürfnis kurz aufschieben, weil wir ein  

00:19:56: Zeitgefühl haben und wissen, dass etwas später  noch möglich ist – aber auch das hat Grenzen.

00:20:01: Wenn wir unsere Bedürfnisse zu lange ignorieren,  stapeln sie sich. Vielleicht ist es erst „nur“  

00:20:06: Hunger oder Erschöpfung, dann kommt Schlafmangel  dazu, kaum Pausen, vielleicht noch Sorgen – und  

00:20:11: irgendwann explodieren wir scheinbar aus dem  Nichts. Oft passiert das nicht in dem Moment,  

00:20:15: in dem ein Bedürfnis noch nicht erfüllt ist,  sondern später, weil der Stress im Körper  

00:20:19: nicht sofort wieder auf Null geht, nur weil  eine Sache sich kurz bessert. Genau deshalb  

00:20:23: gehört für mich zur bedürfnisorientierten  Begleitung von Kindern immer auch dazu,  

00:20:27: die Bedürfnisse der Erwachsenen mitzudenken  und sinnvoll zu priorisieren – nicht im Sinne  

00:20:32: von Ich zuerst, sondern im Sinne  von Alle zählen, und ich eben auch.

00:20:37: Und ich merke dabei immer wieder: Viel  wichtiger als die eine perfekte Methode  

00:20:40: ist meine Grundhaltung dazu, wie ich meinem Kind  und mir selbst begegnen will – denn die kann ich  

00:20:45: je nach Situation ein bisschen anpassen,  statt stur irgendeinen Tipp abzuarbeiten.

00:20:49: Gleichzeitig finde ich wichtig, auch vor der  anderen Seite zu warnen: Selbstfürsorge ist  

00:20:54: kein Selbstzweck und kein Lifestyle‑Projekt, das  alle anderen überstrahlt. Es geht nicht darum,  

00:20:59: dass sich alles nur noch um mich dreht. Für  mich meint Selbstfürsorge eher die Frage:  

00:21:03: „Was brauche ich heute mindestens, damit ich  halbwegs im Gleichgewicht bleiben kann – damit  

00:21:07: ich ansprechbar, zugewandt und sicher für mein  Kind sein kann?“ Manchmal ist das ein Glas Wasser,  

00:21:12: eine kurze Pause auf dem Sofa oder fünf Minuten  durchatmen, bevor ich ins nächste Thema starte.  

00:21:17: Wenn wir unsere eigenen Grenzen ernst nehmen,  

00:21:19: helfen wir damit am Ende nicht nur uns, sondern  auch unseren Kindern – weil sie Eltern erleben,  

00:21:24: die nicht permanent über ihre Belastungsgrenze  gehen müssen, um liebevoll da zu sein.

00:21:30: Ein Punkt, der für mich beim Thema Entlastung  im Alltag wirklich entscheidend war: alles,  

00:21:34: was im Kopf rumspukt, raus aus dem  Kopf und an einen Ort. Unser Kopf  

00:21:39: ist ja eigentlich zum Denken da, nicht als  dauerhafte To‑do‑Ablage. Wenn wir versuchen,  

00:21:44: uns alles zu merken, fühlen wir uns dauerhaft  unter Strom und sind abends wie verkatert und  

00:21:48: hundemüde. Mir hat es total geholfen, wirklich  alles aufzuschreiben, was mir einfällt, und  

00:21:53: zwar zentral an einem Ort – Notizbuch, App oder  Board, das ist egal. Der Effekt ist gar nicht,  

00:21:59: dass ich plötzlich viel mehr schaffe, sondern  dass mein Kopf endlich Luft bekommt. Wichtig ist,  

00:22:04: dass solche Listen euch entlasten sollen und  nicht dazu da sind, noch mehr zu schaffen.

00:22:09: Gleichzeitig machen sie sichtbar, wie viel  da eigentlich alles dranhängt – und dass  

00:22:12: nicht alles gleich wichtig ist. Für  mich war es ein Aha‑Moment zu merken:  

00:22:17: Es ist kein Weltuntergang, wenn weniger  hoch priorisierte Sachen hinten runterfallen  

00:22:21: oder ich sie bewusst streiche. Ich schaue  inzwischen ganz bewusst in meine To‑do‑Liste:  

00:22:25: Was habe ich schon ewig nicht gemacht, ohne dass  etwas Schlimmes passiert ist? Muss das wirklich  

00:22:29: noch draufstehen? Solche Dinge wandern bei mir  auf eine extra „irgendwann‑oder‑nie‑Liste“,  

00:22:33: und manches streiche ich dann irgendwann  ganz. Wichtig ist mir nur, dass das,  

00:22:38: was uns wirklich wichtig ist, nicht zu kurz kommt  – also unsere Kinder mit ihren Bedürfnissen,  

00:22:42: unsere gemeinsame Zeit und das, was unseren  Alltag für uns als Familie tragfähig macht.  

00:22:47: Alles darüber hinaus ist verhandelbar und darf zu  euch, euren Kapazitäten und eurer Familie passen.

00:22:53: Ein weiterer Baustein, der den Alltag mit Kindern  leichter machen kann, sind Pufferzeiten. Wie zuvor  

00:22:57: schon gesagt, sind Kinder oft langsamer unterwegs  als unser innerer Takt, lassen sich ablenken,  

00:23:02: brauchen Zeit für Übergänge oder haben plötzlich  ein großes Gefühl. Wenn wir alles so knapp planen,  

00:23:07: dass eigentlich nichts dazwischenkommen darf,  reicht eine kleine Verzögerung – und wir sind  

00:23:11: sofort im Stress. Solche Puffer helfen dann  vor allem da, wo es im Alltag mit Kindern  

00:23:15: immer wieder eng wird – morgens beim Loskommen,  abends beim Fertigmachen oder rund um Termine.

00:23:20: Puffer einplanen heißt für mich aber auch  zum Beispiel, das Kind nicht gleich direkt  

00:23:24: nach der Arbeit von der Kita abzuholen, sondern  bewusst ein bisschen Zeit dazwischen zu lassen,  

00:23:28: um durchzuatmen und innerlich von Arbeit auf Kind  umschalten zu können. Und dann gibt es noch diese  

00:23:33: „vorhersehbaren Überraschungen“:  Kinder werden irgendwann krank,  

00:23:37: Schlafphasen kippen, irgendetwas dauert  plötzlich länger. Wir können nicht planen,  

00:23:41: wann genau das passiert, aber  wir können damit rechnen,  

00:23:44: dass es passieren wird – und unsere Planung  und unseren Anspruch daran ein Stück anpassen.

00:23:50: Was mir dabei zusätzlich hilft, ist  vorausschauend zu planen und kleine  

00:23:53: Dinge schon vorher vorzubereiten – also zum  Beispiel morgens schon alles bereitzulegen,  

00:23:57: was wir brauchen, oder abends rechtzeitig  wegzuräumen, was uns beim Losgehen oder  

00:24:00: beim Ins‑Bett‑Gehen eher ausbremst. So muss  ich in den kritischsten Momenten weniger  

00:24:04: organisieren und diskutieren und habe mehr  Energie übrig, wirklich beim Kind zu sein.

00:24:10: Ein Punkt, den ich noch extra rausgreifen möchte,  ist nicht an starren Plänen festzuhalten, sondern  

00:24:14: stattdessen eine flexible Reihenfolge zuzulassen.  Für mich heißt das, weniger daran festzuhalten,  

00:24:19: wie es „eigentlich“ laufen sollte, und mehr  zu schauen: Was passt jetzt gerade mit meinem  

00:24:24: Kind und mit meiner Energie wirklich gut rein?  Wenn mein Kind bei dem, was ich geplant habe,  

00:24:28: gar nicht mitmachen möchte, frage ich mich zum  Beispiel: Gibt es etwas aus unserem Ablauf,  

00:24:33: das jetzt leichter geht – erst  Zähneputzen statt Anziehen,  

00:24:36: oder wir ziehen uns schnell an und  versuchen das Zähneputzen später nochmal?

00:24:40: Damit das funktionieren kann, brauche ich  aber diesen Blick für kleine Zeitfenster,  

00:24:43: muss also diese Gelegenheiten im Alltag also  erst mal erkennen. Oft sind das nur zwei,  

00:24:48: drei Minuten, in denen kurz etwas möglich ist.  Zu Beginn übersieht man sie vielleicht noch,  

00:24:52: aber mit der Zeit und etwas Übung wird es  leichter, solche Momente wahrzunehmen und  

00:24:56: dann bewusst zu entscheiden: Nutze ich diese  Gelegenheit, um etwas Kleines zu erledigen,  

00:25:01: oder ist es gerade wichtiger, kurz durchzuatmen,  etwas zu trinken oder einfach einen Moment still  

00:25:05: dazusitzen? Flexibel mit der Reihenfolge  umzugehen und Gelegenheiten zu erkennen,  

00:25:10: gehört für mich deshalb zusammen: Beides hilft,  unseren Plan so anzupassen, dass er zu unserem  

00:25:15: echten Alltag mit Kind und zu unseren Prioritäten  passt – ohne uns zusätzlich unter Druck zu setzen.

00:25:21: Pick your battles. Überlegt euch, welche  Kämpfe wirklich wichtig sind – und wie  

00:25:25: viele Kapazitäten ihr dafür gerade überhaupt noch  habt. In manchen Situationen bedeutet das auch,  

00:25:30: bewusst Ausnahmen zu machen, damit ihr  alle irgendwie durch den Tag kommt.

00:25:34: Vor Kurzem war beispielsweise mein Kind krank  und ich musste trotzdem arbeiten – was mit  

00:25:38: Kleinkind eigentlich kaum machbar ist. Zum  Glück ging es nur um einen Tag, länger oder  

00:25:42: öfter würde ich das so nicht machen, da müssten  wir andere Lösungen finden. Aber an diesem Tag  

00:25:47: lief dann aber eben der Fernseher den ganzen  Vormittag, was in dem Alter praktischerweise  

00:25:50: schon möglich ist. Das Essen aus der Brotdose  ist kurzerhand auf einen Teller gewandert,  

00:25:54: der zum Snackteller auf dem Sofa wurde, und  ich saß mit Laptop und Ohrstöpseln daneben.  

00:25:59: So konnte ich arbeiten, mein Kind war versorgt  und ich war trotzdem jederzeit ansprechbar,  

00:26:03: wenn es mich gebraucht hätte. Klar sind dabei  andere Dinge liegen geblieben und ich hatte mehr  

00:26:07: Unterbrechungen als sonst – aber genau so war  dieser eine Tag für uns überhaupt erst machbar.

00:26:13: Und genau darum geht es bei Pick your battles:  Ihr könnt nicht an allen Fronten gleichzeitig  

00:26:17: perfekt funktionieren. Denkt dabei auch daran,  dass ihr abends noch genügend Kraft übrig habt,  

00:26:22: bis das Kind einschläft – oder ggf.  auch noch für die Nacht, je nachdem,  

00:26:26: ob und wie es schon durchschläft und  wie unruhig die Nächte gerade sind.  

00:26:30: Und in manchen Phasen geht es nicht nur um  diesen einen Abend oder Tag, sondern darum,  

00:26:34: dass ihr auch den nächsten Tag und die  danach noch irgendwie stemmen könnt.

00:26:37: Ein paar Grundwerte bleiben dabei  natürlich unverrückbar – zum Beispiel, wie  

00:26:41: wir miteinander sprechen oder was für uns  Sicherheit bedeutet. Aber alles andere darf  

00:26:45: flexibel an eure aktuelle Situation angepasst  werden. Ganz im Sinne von Weniger ist mehr.

00:26:51: Hilfreich ist dabei auch, eine Ja‑Umgebung  zu schaffen. Also eine Umgebung, in der ihr  

00:26:55: so wenig wie möglich Nein sagen müsst – vor  allem, je kleiner euer Kind ist. Wenn etwas  

00:26:59: nicht kaputt gehen soll, räumt es weg.  Wenn es nicht in Schränke gehen soll,  

00:27:03: macht Schranksicherungen dran. Packt dafür  aber auch Dinge, die es benutzen darf,  

00:27:07: in die unteren Schränke oder Regalfächer, damit es  Alternativen hat, die erlaubt und spannend sind.  

00:27:12: So muss euer Kind nicht ständig mit Neins  konfrontiert sein, sondern hat auch Raum,  

00:27:16: sich auszuprobieren und dem nachzugehen, was für  seine aktuelle Entwicklung gerade wichtig ist.

00:27:21: Immer wenn ich mit meinem Kind  irgendwo unterwegs oder zu Besuch bin,  

00:27:24: wo die Umgebung nicht so kindgerecht  gestaltet ist, merke ich erst einmal,  

00:27:28: wie anstrengend es sein kann. Es ist dann immer  so erleichternd, wieder zu Hause zu sein, wo  

00:27:32: ich nicht ständig aufpassen und eingreifen muss.  Da merke ich den Unterschied wirklich deutlich.

00:27:37: Gleichzeitig ist mir wichtig, ein paar Fallstricke  zu benennen, in die wir bei Pick your battles und  

00:27:41: einer Ja‑Umgebung leicht hineinrutschen können.  Einer davon ist, dass wir aus Überforderung unser  

00:27:46: Nein immer häufiger umgehen. Manchmal wird  aus einem Nein nach langem Protest doch ein  

00:27:51: Ja. Manchmal sagen wir gleich von Anfang an Ja,  nur damit die Situation gar nicht erst eskaliert.  

00:27:56: So wird unsere eigene Entlastung langfristig  wichtiger als Orientierung für unser Kind.  

00:28:01: Dann lernt es vor allem: Wenn ich nur  lange genug protestiere, kippt das Nein.  

00:28:05: Kinder brauchen aber auch Erfahrungen mit Frust,  um daran zu wachsen – nur eben nicht künstlich  

00:28:10: herbeigeführte Extra‑Konflikte, sondern die  Neins, die sich im Alltag sowieso ergeben,  

00:28:15: weil Sicherheit, Respekt oder  Gesundheit auf dem Spiel stehen.

00:28:19: Ein Perspektivwechsel kann da helfen: Wenn wir  uns bewusst machen, wie oft unsere Kinder am Tag  

00:28:24: kooperieren – aufstehen, sich anziehen, losgehen,  warten, Dinge wieder weglegen –, wird klar,  

00:28:30: dass ein Erwachsener diese Dichte an Vorgaben  und Unterbrechungen niemals so mitmachen würde.  

00:28:35: Das kann uns dabei unterstützen, echte Werte  von reinen Komfort‑Grenzen zu unterscheiden:  

00:28:40: Muss ich hier wirklich auf meinem Nein  bestehen, oder geht es gerade vor allem darum,  

00:28:44: dass es für mich schneller und bequemer wäre? In  einer Ja‑Umgebung geht es deshalb nicht darum,  

00:28:50: alles zu erlauben oder Grenzen aufzuweichen,  sondern darum, unnötige Neins zu reduzieren,  

00:28:55: damit die wenigen, die bleiben, klar, ruhig und  verlässlich sein können. So erlebt euer Kind:  

00:29:00: Es gibt Dinge, die wirklich nicht verhandelbar  sind – und gleichzeitig hat es genug Raum, in dem  

00:29:05: es ausprobieren, mitentscheiden und selbstwirksam  sein darf. Und wenn du dabei manchmal Angst hast,  

00:29:11: zu lasch zu sein, kann genau dieser Blick  auf eure wirklich wichtigen Neins entlasten.

00:29:16: Kommen wir nun zum nächsten Kapitel. Manchen  fällt es leichter, manchen weniger. Aber nehmt  

00:29:21: jede Hilfe an, die ihr kriegen könnt, und baut  euch ein Netzwerk auf. Nicht umsonst heißt es,  

00:29:26: es braucht ein Dorf, um ein Kind zu begleiten.  Heute leben wir aber oft nicht mehr im Dorf,  

00:29:30: sondern in der Kleinfamilie –  und sehr viele Eltern sind mit  

00:29:33: der Care‑Arbeit einen großen Teil des  Tages alleine, häufig vor allem Mütter.

00:29:37: Repräsentative Auswertungen großer Befragungen  für das Bundesfamilienministerium zeigen, dass  

00:29:42: Eltern mit minderjährigen Kindern in Deutschland  deutlich häufiger von Einsamkeit berichten als die  

00:29:47: Gesamtbevölkerung – gerade in Phasen, in denen  Care‑Arbeit einen großen Teil ihres Alltags  

00:29:52: ausmacht. Und eine aktuelle Online‑Befragung  des Meinungsforschungsinstituts Kantar mit  

00:29:57: 1.000 Frauen, die seit 2020 in Deutschland ein  Kind bekommen haben, macht das noch einmal sehr  

00:30:02: konkret: Rund zwei Drittel dieser Mütter gaben an,  seit der Geburt ihres Kindes Einsamkeit erlebt zu  

00:30:07: haben, und mehr als ein Drittel fühlte sich zum  Zeitpunkt der Befragung einsam – teilweise lange  

00:30:11: über die erste Babyzeit hinaus. Einsamkeit unter  Eltern, die viel mit ihren Kindern zu Hause sind,  

00:30:16: ist also nichts, womit du alleine wärst,  sondern etwas, das sehr viele von uns kennen.

00:30:22: Findet Wege und Dinge, die euch wieder Kraft  geben, die euch Freude machen – auch mitten  

00:30:26: im normalen Alltag. Einen Weg, der für mich da  wirklich viel verändert hat und gleichzeitig für  

00:30:30: Kinder unglaublich wertvoll ist, möchte ich euch  hier besonders ans Herz legen: Geht den Alltag  

00:30:35: verspielter an. Ich weiß, das klingt erstmal  komisch, und ich habe mich am Anfang auch schwer  

00:30:39: damit getan. Aber dieses Spielerische bringt so  viel Leichtigkeit rein wie kaum etwas anderes.

00:30:44: Versucht, öfter in den Perspektivwechsel zu gehen  und die Welt mit den Augen eures Kindes zu sehen.  

00:30:49: Das hilft generell, wenn ihr respektvoll und  auf Augenhöhe erziehen wollt – und es entspannt  

00:30:54: Konflikte, weil ihr zuerst versucht zu verstehen,  statt einfach euren Plan stur durchzuziehen. So  

00:30:58: ein Perspektivwechsel klappt natürlich nur,  wenn wir selbst halbwegs entspannt sind,  

00:31:03: aber genau dabei kann Spiel helfen. Spiel und Spaß  sind nämlich nicht nur ein Bedürfnis von Kindern,  

00:31:07: sondern auch von uns Erwachsenen,  wir haben es nur oft ein bisschen  

00:31:10: verlernt. Oft entstehen daraus dann auch ganz  automatisch kreative und spielerische Lösungen,  

00:31:14: wo vorher nur Kampf im Alltag war – beim  Zähneputzen, Anziehen oder Aufräumen.

00:31:19: Ich weiß nicht, warum wir manchmal glauben,  etwas sei nur dann „richtig erledigt“,  

00:31:23: wenn wir es ganz ernst und ohne Spaß machen.  Beim Haushalt Musik anmachen schaffen viele noch,  

00:31:27: aber alles darüber hinaus fühlt sich schnell  albern an. Ich bin über das Thema zuerst beim  

00:31:32: spielerischen Zähneputzen gestolpert und habe es  dann nach und nach in anderen Alltagssituationen  

00:31:36: ausprobiert. Und ich habe gemerkt: Nicht nur  mein Kind hatte mehr Spaß, ich selbst auch.  

00:31:41: Alltägliche Situationen wurden leichter, weicher,  weniger kampfhaft – und genau diese Leichtigkeit  

00:31:46: hat meinem Alltag mit Kind richtig gutgetan.  Deshalb nehmt die Einladungen eurer Kinder zu  

00:31:51: mehr Spaß und damit mehr Leichtigkeit im Alltag  an. Gerade weil all die Phasen mit unserem Kind im  

00:31:56: Rückblick so schnell vorbeigehen, hilft mir dieses  Spielerische, sie nicht nur zu überstehen, sondern  

00:32:01: zwischendurch auch wirklich zu genießen – mitten  im Chaos, nicht erst, wenn sie schon vorbei sind.

00:32:07: Und damit sind wir auch schon fast  am Ende dieser Folge angekommen.  

00:32:10: Hier nochmal ein kurzer Rückblick auf die  Folge: Wir haben heute darauf geschaut,  

00:32:14: warum sich moderne Elternschaft so schwer  anfühlen kann und wir uns so oft so gestresst  

00:32:18: fühlen– und welche kleinen Hebel diesen Stress  reduzieren und ein wenig mehr Leichtigkeit in  

00:32:22: unseren Alltag reinbringen können, ohne dass  wir dafür perfekte Bedingungen brauchen.

00:32:28: Was nehmen wir aus dieser Folge mit? Zum einen:  Leichtere Elternschaft entsteht nicht dadurch,  

00:32:33: dass wir uns noch mehr anstrengen, sondern  indem wir Stress und Erwartungen realistischer  

00:32:36: betrachten und unseren Alltag so organisieren,  dass er zu unserem echten Leben mit Kindern passt.  

00:32:42: Kleine Bausteine wie ein inneres Stopp‑Schild, das  Ausprobieren neuer Wege, flexible Reihenfolgen,  

00:32:47: Pufferzeiten, vorausschauendes  Planen, eine Ja‑Umgebung und Hilfe  

00:32:51: von außen können zusammen viel bewirken –  nicht, weil dann alles problemlos läuft,  

00:32:56: sondern weil wir seltener das Gefühl  haben, nur noch im Reagieren zu sein.

00:33:00: Zum anderen: Deine Bedürfnisse sind wichtig.  Wenn du dauerhaft über deine Grenzen gehst,  

00:33:05: wird es für niemanden leichter – weder für dich  noch für dein Kind. Leichtigkeit heißt deshalb  

00:33:10: auch, auf dich zu achten, gut genug zu planen,  manches bewusst einfacher zu machen, Kämpfe klug  

00:33:15: auszuwählen und im Alltag Räume zu schaffen, in  denen ihr gemeinsam durchschnaufen könnt – durch  

00:33:21: Unterstützung, durch kleine Momente für dich und  durch mehr Verspieltheit statt ständigem Kampf.  

00:33:26: Und genau diese Momente von echtem Miteinander  sind es, an die wir uns später erinnern  

00:33:30: werden – nicht daran, wie perfekt der Alltag  organisiert war, sondern daran, dass wir unsere  

00:33:35: begrenzte Zeit mit unseren Kindern auch wirklich  erleben und zwischendurch genießen konnten.

00:33:41: Vielleicht magst du dir nach dieser Folge  eine Frage mitnehmen: An welcher Stelle in  

00:33:45: eurem Alltag merkst du gerade am deutlichsten,  dass es schwer und eng ist – und welcher kleine,  

00:33:49: realistische Schritt könnte dort ein bisschen  mehr Luft und Leichtigkeit hineinbringen?

00:33:54: Damit danke ich dir fürs Zuhören. Und denkt daran:  

00:33:56: Einfach Eltern sein heißt,  den Alltag so zu erleichtern,  

00:33:59: dass du eure kurze gemeinsame Zeit nicht nur  managst, sondern sie auch genießen kannst.

00:34:04: Gefällt dir mein Podcast und du möchtest keine  Folge mehr verpassen? Dann freue ich mich,  

00:34:08: wenn du Just Melly abonnierst und mir einen  Daumen hoch gibst. Danke für deine Unterstützung.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.